Normalzeugnis Zeugnis

Friederike Brun, Tagebuch 20. 7. 1795 (Dt. Rundschau 123, 239)

Lieblicher Morgen mit der kleinen Pohlin, die mir holde Lieder vorsang, voll von süßer Melancholie. Sie hängt mit sanft simpathetischem Gefühl an mir. Dann mit Goethe gefrühstückt und spatzieren gegangen. Ganz öffnete er mir sein Herz und ließ mich in seine Verhältnisse blicken. Dieser außerordentliche Mensch konnte freilich nicht auf gewöhnliche Weise sein viel forderndes Herz und seinen ungestümen Sinn befriedigen. Innig erfreu ich mich, ihn häuslich glücklich zu wissen, als guten zärtlichen Vater. Seine Kinder-Liebe ist charakteristisch. Die meinigen hängen mit Leidenschaft an ihm, und ich würde ihm mit Freuden ein Mädchen anvertrauen. Denn seine Überzeugung über weibliche Bestimmung und weibliche Würde ist äußerst edel und zart. Seit 15 Jahren studirt er ausschließend Naturgeschichte.

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