Normalzeugnis Zeugnis

A. Gyrowetz, Autobiographie (Gyrowetz S. 23)

Zur nämlichen Zeit war es, daß Göthe aus Sicilien nach Neapel zurückkam, und Gyrowetz auf der Promenade al giardino Reale traf, wo sie beide öfters zusammen auf- und abgingen, und nebst anderen Gegenständen Vieles über Musik und über den Zustand der Musik in Italien überhaupt sprachen. Göthe bewies dabei, daß er sehr große Kenntniß in der Musik besitze; er behauptete auch, daß die alten italienischen Meister in ihren Opern mehr contrapunktische Figuren anzubringen suchten, und mehr für den Sänger als für das Orchester in ihrem Satz gesorgt hätten. Auch hatten die alten Meister vermieden, die Stimme des Sängers durch starke Instrumentirung, und besonders durch zu viele Anwendung von Blasinstrumenten zu bedecken. Paisiello sagte bei einer musikalischen Conversation, daß man die Blasinstrumente in einer Oper so, wie die Blumen bei einer schön gedeckten Tafel nur als Zierde, und nicht als Ueberladung, nur hier und da anzubringen habe. So wurde auch erzählt, daß in einer musikalischen Conversation, wo sich mehre Kapellmeister und Opern-Compositeurs befanden, jemand von den Beistehenden tadeln wollte, daß man immer denselben Styl, dieselbe Schreibart fortbehalte, und nicht weiter vorwärts schreite; da sprang der alte Guglielmi auf, und schrie mit seiner weiblichen Stimme: „Nein, nein! Gott verhüthe! Wir dürfen nicht sehr viel vorwärts schreiten, wir müssen das Publikum im mäßigen Genuß der Musik zu erhalten suchen; denn, wenn wir zu weit vorwärts schreiten, wird auch das Publikum immer mehr und mehr verlangen, und wenn dieses hernach stufenweise immer höher steigt, wo wird es am Ende hinkommen? – Man wird die Theater zusperren müssen, weil das Publikum in der Folge übersättigt, keinen Geschmack mehr haben, und die Theater unbesucht lassen wird.“ So gestaltete sich das Gespräch, und dauerte bis spät in die Nacht, wo ein jeder sich nach Hause begab. Zu jener Zeit wurden auch bei dem österreichischen Gesandten, Baron Thugut, mehre Conzerte durch den Herrn Legationsrath Hadrava veranstaltet, wozu auch Göthe so wie Gyrowetz geladen wurden. Als Gyrowetz dort eingetreten war, fand er Göthe zwischen einer Thürschwelle, die in den großen Saal führte, ganz allein und unbeachtet da stehen. Gyrowetz ging sogleich zu ihm, und sagte ihm, er möchte doch vorwärts in den Saal schreiten, und nicht so versteckt da stehen. Göthe dankte höflich, und bat, man möge ihn da nur ruhig stehen lassen, er höre Alles, und liebe nicht, in die große Welt zu treten. – Ueberhaupt war zu dieser Zeit das Benehmen Göthe’s sehr freundlich, ja sogar etwas schüchtern und demüthig. Göthe hielt sich nicht lange mehr in Neapel auf, und reis’te bald nach seiner Heimath zurück.

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