Normalzeugnis Zeugnis
Böttiger (*GJb 15, 91; LB Dresden)
Den 28ten Mai bei Göthe. Zuerst über Lessing. Er war bloß zum Literator geboren, aber ein sehr schlechter Bibliothekar. Plan nur bis 1740 bei der Wolfenbüttler Bibliothek complett zu seyn. Große Unordnung. Seine eigenen Schriften auf der Bibliothek zerschnitt er um sie abdrucken zu lassen. Seine Neigung zur Orthodoxie empfing er in Berlin, wo er weder Spalding noch die andern Aufklärer ausstehn konnte. Langer sein Nachfolger wohnte den vornehmsten Auctionen auf seinen Reisen bei, u. erstand überal kostbare Bücher, die er aber solang stehn ließ, bis er in Wolfenbüttel sedem fixam bekam, wo er alles zusammen kommen ließ. Er arbeitet sehr gründliche Rezensionen in der Alg. D. Bibliothek. So hat er unter anderm des Erlanger Beyer Versuch über den Theokrit sehr scharf rezensirt.
Wir besahen Göthes Gemmensammlung. Bemerkung über eine Stelle im Bion, die ich nirgends finde. „Bei den alten Theatern, sagt Göthe, war weit mehr etikettehmäsige Convention, als bei den unsrigen, da wir das, was der inneren Energie an Ueberredungskunst abgeht, durch Schwung ? Schonung? der Aeuserlichkeiten und Scenerie zu ersetzen suchen. Die Alten hatten in ihren Masken, Decorationen, Maschinen und Theater Costum unendlich mehr, was durch algemein angenommene Convention niemand mehr beleidigte, uns aber unendlich lächerlich vorkommen würde, eine reiche Fundgrube vor die Parodie und Travestirung der Komiker. So bin ich überzeugt, daß das Theater gleichsam in gewisse Regionen getheilt geweßen seyn muß, und daß die Luftregion, in der die obere Maschinerie, die dii ex machina, (Wolken, Vögel u.s.w. im Aristophanes) schwebten, und die Wasser- und Orkusregion über einander rangirten, ohngefähr so, wie in den Gemälden und Reliefs des Alterthums eine Reihe Figuren auf den Köpfen der unteren Reihe steht. Dieß war unwandelbar und stets vor den Augen der Zuschauer, auch dann, wenn im ganzen Stück das Bedürfniß der einen Region nicht ein einziges mal eintrat. Etwas anders war es mit den exostris und ἐκκυκλήσεσι des innern der Häuser, u. der Veränderung gewisser Gassen, wie dieß auch Palladio beim Theater zu Vicenza sehr artig angebracht hat. Diese stehenden Decorationen machen es auch allein begreiflich, wie mehrere, oft 8 Stücke, in einem Tage gleich nacheinander ohne Störung und Embarras aufgeführt werden konnten.“ Wolf bemerkte hierbei, daß er vollkommen überzeugt sei, daß mehrere Tetralogieen gleich nacheinander aufgeführt worden wären, nur daß die Stelle in Aristoteles Poetik, wo von 100 Stücken die Rede sei, zu unglaublich sei, um nicht den Verdacht einer Verfälschung gegen sich zu erregen.
Hierauf erzählt Göthe wie die Advocaten in dem großen Saale des Gerichtshofes von Venedig ihre Sachen plaidiren. Den Richtern gegenüber, so daß die Sachwalter im Rücken sind, sitzt ein Segretario, der Stunden oder Halbestundensanduhrengläser vor sich stehn hat, und diese während der Advocat spricht, auslaufen läßt. Der Advocat läßt oft Instrumente, Zeugnisse, Gesetze vorlesen, das durch einen besonderen Schreiber geschieht. So lange dieß dauert, wird das Stundenglaß umgelegt, weil dieß Ablesen nicht zugerechnet wird. Der Advocat, dem alles daran liegen muß, zu seinem Vortheil Zeit zu erobern, spricht oft nur ein paar Worte drein, als: Hört, bemerkt vorzüglich dieß Zeugniß u.s.w. Augenblicklich stellt der Sekretair wieder das Stundenglas, welches oft sehr schnelle Vibrationen veranlaßt. Der Gegner hat nun eben so viel Zeit zugemessen; es plaidiren in wichtigern Sachen gewöhnlich 2 Advocaten für den Kläger, und 2 für den Angeklagten. Die erstern am Rande: πρωταγωνισται, δευτεραγωνισται reden mehr statarisch und gemäsigt, u. haben nur die ruhige Auseinandersetzung der einzelnen Thatsachen. Die zwei letzten aber wirken auf die Leidenschaften u. wenden alle Redekünste an. Hier entstehn auch wirkliche concertationes und altercationes, indem der Gegner den Redenden oft ins Wort fällt, der Redende aber über diese Unterbrechungen laute Klagen führt. Der Fall, den Göthe plaidiren hörte, betraf die Ableugnung eines Fideikommiß von 6000 Scudi, wo die Procuratoren der pia causa die Kläger waren. Da bediente sich der Redner für den Beklagten aller Künste, um das Mitleid der Richter zu bewegen. Der Beklagte war ein alter 70 jähriger Mann. Bedenkt, sagte sein Sachwalter, daß es hier nicht eigentlich auf die Summe von 6000 Scudi, sondern auf Ehre u. bürgerliche Existenz eines Bürgers abgesehn ist, u. daß der so viel Jahre lang gesparte u. vermehrte Schatz von Bürgertugend durch euer Verdammungsurtheil auf einmal verloren gehen würde. Beide Partheien, vor welche die Redner sprechen, sitzen einander gegen über u. sind gegenwärtig. Sie beobachten nicht allein die größte Demuth, mit niedergeschlagenen Augen u. gesenktem Haupte: sondern der Beklagte ist auch wirklich nach seinem Anzuge noch in luctu et squalore. Die Documente und Instrumente, worauf es auf beiden Seiten ankommt, u. die von den Schreibern abgelesen werden, sind schon gedruckt, und die Richter haben sie in den Händen. Nach beendigter Ballotage der Richter kann sie auch der umstehende Zuhörer zu kaufen kriegen, vorher aber nicht. Göthe hatte die in gr. 4 sehr splendid gedruckten Documente beider Parteien in zwei cahiers bei dem erwähnten Handel gekauft, und zeigte sie uns noch vor. Auch hatte er den einen Advocaten im größten Affekt des Haranguirens aufs Papier gezeichnet, u. wieß ihn der Gesellschaft. Er macht mit vorbiegendem Körper mit der rechten Hand einen besondern Gestus, welches eigentlich das Wiegen mit der Waage oder das Senken der Sonde anzeigt, und eine besondere Genauigkeit ausdrückt, (pensitate rem agitare). Die ganze Zahl der Richter theilt sich in quarantarios, öfter noch in 20, 16, ja nur Decaden, die zusammen an verschiedenen Theilen des ungeheuren Saales (also wie in den basilicis zu Rom die iudicia centumviralia) zu gleicher Zeit mehrere Processe abhören. Die corona populi steht gierig horchend herum, und ermüdet mehrere Stunden nicht. Neben Göthe stand ein Knabe von 10 Jahren, der 4 Stunden lang mit nimmersatter Spannung alles auffing. Die Redner haben eigentlich kleine Kanzeln oder suggestos, in welchen sie sprechen sollten. Aber sie stellen sich gewöhnlich davor, u. haranguiren mit ganz freistehendem Körper. Wolf bemerkt daß sich zu dieser Sitte alle Belege theils aus den Römern, theils aus den Griechen finden ließen. Die neuern Reisebeschreiber erzählen fast gar nicht davon. Einige unvolständige Winke giebt Mayer in seinen Darstellungen über Italien.
Bei der Betrachtung einiger altsicilischen Münzen von vorzüglich schöner Arbeit wurde die Hypothese sehr wahrscheinlich gefunden, daß die Griechen in Sicilien ihre eigene selbsterwachsene Kunst und Literatur lange vor den Athenern u. den Pisistratiden gehabt hätten.
Ueber Declamation des Hexameters nach der Quantität und dem Accent. Wenn ihn Voß feierlich ließt, so ist es wahrer Gesang und Intonation. Die Sylbe, wo der Accent steht wird etwas gehoben und geschärft zum B. hómini, homínibus, etwa wie die Engländer den Consonanten in der Aussprache verdoppeln, der den Accent hat. Aber der Accent gibt auch eine gewisse Erhöhung des Tons, der ganz verschieden von der Länge und Kürze der Sylbe ist. Jeder Hexameter hat 24, also jeder pes 4 Zeiten, von welchem in den alten Scholien oft die Rede ist.
Es wurde ein Versuch mit dem Anfang der Ilias gemacht. Gleich das erste Wort μηνιν gab zu der Bemerkung Gelegenheit, daß man hier eigentlich μέενιν aussprechen müsse. Denn das η sei doch nur ein doppeltes εε, u. sei auch so wie alle Diphthongen der Griechen schnell getrennt ausgesprochen worden. Daraus sei auch auf allen langen Vocalen der Circumflex zu erklären, der eigentlich nichts als ein acutus und gravis ^ sei, aus welchem später die sonderbare geschlängelte Form entsprang. Man müsse sich also μηνιν so geschrieben u. accentuirt vorstellen: μέὲνιν. Die Griechen haben eigentlich nur einen Accent, den acutus, der gravis zeigt bloß absentiam accentus u. der Circonflex den acutus neben dem gravis an. – Die Ungarn haben in ihrer Sprache das meiste von dem, was die Alten Accent nannten. Sie begriffen auch in Wolfs Vorlesungen alles sogleich, da die übrigen Zuhörer große Mühe hatten. So sprach ein Ungar Wolfen um den Chestèrfield an, u. als ihn W. tadelte, bewieß er daß er recht gesprochen habe. Auch die Lateiner accentuirten so gut, als die Griechen, nur daß sie die Accente nicht schrieben. Wolf recitirte zugleich den ersten Vers der Eclogen, u. zeigte, wie ihn die Römer ausgesprochen haben müßten: Τιτυρε τυ πάτυλαι ρέκυβανς συβ τεγμινε φαγει. Es sei allerdings möglich, die alte Aussprache der Römer ganz aufzufinden, u. wieder herzustellen, aber ihren lebendigen Ton hätten wir darum nicht.
Wolf erklärte sich sehr lebhaft gegen Wielands Vertauschung des φ in f. f war ein barbarischer, den Griechen ganz unbehilflicher u. unaussprechlicher Buchstabe. Daher Cicero einmal gegen einen Graeculus das Argument braucht: er könne nicht einmal den Namen Fundanius aussprechen. Die eigentliche Aussprache der Griechen sei πh, phi geweßen. Wieland horchte hierbei sehr auf – die unnachahmliche Naivität des Magister Hederich in seinem alten Mytholog. Lexicon. Töchter des Thespios. – Göthe läßt auf einem Friese eines seiner Zimmer die Metamorphose der Tyrrhener in Delphine aus der Laterne des Demosthenes zu Athen abkopiren. Sonderbare Behandlung dieses Sujets auf diesem Kunstwerke nach einem ältern μυθος. – Eine kleine Bronze, ein Priap ohne Hoden, vieleicht ein Archigallus, obgleich mit einem Barte, der vieleicht klimatisch zu erklären seyn dürfte.
Wärme zusammen fassende Kraft der wollenen Kleidung, erkältende der Leinewand. Vorzug des Alterthums in Kleidung und accubitus. –
Die Reime sind barbarischer Abkunft. Nur ein Wieland, sagte Göthe, sollte reimen. Gleim thuts ohne Freibrief, sagt Wieland. Der Reim paßt eigentlich nur für kürzere canzoni. So bald er zu den Stanzengedichten in Ariost, Tasso u.s.w. übergeht, variirt er aus den Iamben in Anapäste als armē pĭĕtōse. Wer mag ihn eingeführt haben?
Als Göthe von Palermo nach Girgenti reißte, sah er vom Wirthshause, wo er Mittags hielt, mehrere reisende Sicilianer die Distelköpfe, die in unzähliger Menge auf einer verwilderten Wiese emporragten, u. eben noch im Schossen u. Aufblühen waren, abhauen, schälen und essen. Er probirte es nun selbst u. fand diese geschälten Sprossen zart u. süßlich, so daß sie nach unserer Salatzurichtung den Spargeln sehr ähnlich geweßen wären. Der Veturino raufte Puffbohnen, u. vertheilte sie als große Delicatesse. Er selbst verzehrte einen rohen Kohlrabi, wie wir einen Aepfel verzehren würden.
Ueber Träume. Wolf erinnert sich nie, geträumt zu haben. Auch kann er schlafen, wann und wie lange er will. Den traumlosen Schlaf erklärt auch Göthe für den erquickendsten. Göthe erzählt einen sehr scharfsinnigen, philosophischen Traum, den er in verflossener Nacht gehabt habe.
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