Normalzeugnis Zeugnis
Knebel an Herder 2. 2. 1789 (*Düntzer7 3,46; SB Berlin, PrK Herder XLII)
Um Ihnen von unserm philosophischen Wesen, wie Sie wollen, etwas zu sagen, so ist die Sache sogar unter uns zum Kriege gekommen. Göthe hat nemlich aus Italien eine Menge eingeschränkte Begriffe mitgebracht; so, daß wir von dem Allen nichts wissen, daß unser Wesen zu eingeschränkt sey, um von der Dinge Daseyn u. Wesen nur einigen Begrif zu fassen, daß alles absolutissime auf die individuelle Existenz eingeschränkt sey, und daß uns also nichts zu denken u. zu begreifen übrig bleibe, als Einzelne Fälle u. Untersuchungen oder der Umfang der Kunst, u. s. w.
Diese Sätze wurden mehr u. mehr in Gesellschaft des guten Moritz, der ein sehr mikroskopisches Seelenauge hat, zubereitet, und da ich nicht ganz derselben Meynung war, auch mich wider einige Sätze u. sonderlich wider die Manier des Styls u. das Mystische desselben, in Moritzens Schrift von der Nachbildung des Schönen, einigermassen erklärt hatte, nach u. nach auf mich zugemünzt.
So lange gieng alles freundschaftlich u. gut. Vor acht Tagen schickt mir Göthe einen, im neusten Stück des T. Merkurs gedrukten Brief von ihm, von Neapel datirt zu, mit dem schriftlichen Beysatz, daß dieses die Antwort auf meine von Jena aus geäusserten Meynungen (wegen Krystallisation des Eises an den Fensterscheiben, worinn ich den HofR. Büttner für mich hatte) seye, und daß er sich damit gegen alle unsere hagestolzen Meynungen verwahren wolle p. Eine gedrukte Antwort, auf einige unbestimmte Meynungen in einen blos freundschaftlichen Briefe, mit dieser persönlichen Addresse, verdroß mich. Ich sagte ihm dieses sogleich denselben Mittag 26. 1., bey Frau v. Stein, wo wir in grösserer Gesellschaft zusammen assen. Ich sagte: ich würde auch gewiß darauf antworten p. Dieß wurde mit gewöhnlicher vornehmer Gleichgültigkeit behandelt. Unterdeß schlug sich Moritz in Weg, und wollte mit seiner Gutheit den kleinen Groll, den ich gefaßt hatte, besänftigen. Ich sagte ihm: G. habe mich auf eine ganz unschickliche Art öffentlich angegriffen, und da noch seine Argumente überdieß sehr schlecht wären, so glaubte ich, er habe es blos gethan, um mir Verdruß zu machen, oder mich auf diese Art demüthigen zu wollen. Er läugnete dieses, und ich erhielt darauf ein Schreiben von G. um die Sache zu accomodiren, das ich aber grob von mir wies. Nun sollte die Beleidigung auf meiner Seite seyn; ich gestand es aber nicht zu, und verfertigte die Antwort auf das gedrukte Schreiben, die ich Moritzen zuschickte. G. weigerte sich solche zu lesen, weil ich ihn nun vorher durch meinen Brief beleidigt hätte; ich sagte aber an Moritz: er müsse den Brief lesen, oder ich liesse ihn drucken, und es fände keine Vereinigung mehr unter uns statt. Er that’s, und verlangte nun, daß der Brief, mit Auslassung alles Leidenschaftlichen, gedruckt werden möchte; er wolle auch wieder antworten. So weit ist es, und wir sind nun wieder Freunde, und ich bin gestern bey ihm gewesen ... Ich habe bey diesem Streit niemand auf meiner Seite gehabt, als Frau v. Stein, die gar fein u. richtig fühlt, u. lieb u. brav ist ... Moritz ist doch auch meinen Gründen nicht zuwider gewesen.
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