Brief

Von Karoline Sophie Luise Seidler (14. September 1818)

Schriftlicher Abschiedsbesuch bei G. - S. stehe bereits an der Pforte des Landes wo die Citronen blühen (Anspielung auf Mignons "Kennst du das Land ...", aus: "Wilhelm Meisters Lehrjahre" III 1) und warte gemeinsam mit einem jungen Schweitzer Mahler (J. K. Schinz) auf C. S. von Loevenich von Frankfurt, um in ihren Wagen zu steigen. Sie sei die seeligste aller Sterblichen. Freude auf die Kunstwerke in Venedig, Parma, Mantua und Florenz; erwähnt: Correggio, Giulio Romano und Michelangelo. In Rom werde sie mit H. Herz, J. J. Schweigart und H. Näke liebe Freunde finden. - Über das abgestumpfte Leben des letzten Sommers in München; doch seit einigen Wochen führe sie eine Art von Künstlerleben. Sie sehe sich Privatsammlungen an und lerne andere Künstler kennen; erwähnt: A. Adam, Raffael, K. F. von Wiebeking, B. E. Murillo, J. F. A. von Kirschbaum, König Maximilian von Bayern, B. Luini, Hühnerstopfer Reichel, J. Hauber, D. Velázquez und eine Landschaft von (N. oder G.) Poussin. - Anfrage, womit sie Großherzog Karl August aus Rom eine Freude machen könne. Über ihre für ihn bestimmte Kopie nach Raffael (Madonna mit dem Stieglitz; vgl. RA 7, Nr. 1300) und R. Morghens Kupferstich. - In München seien nun auch die erwarteten Metopen und Basreliefs (des Parthenon) von Rom angekommen. Das ganze hat eher einen viel höheren Kunstwerth als das Phyggalische Fries (vgl. RA 8, Nr. 59). Die schönsten Verhältnisse, das größte Leben, kurz der Styl des Coloß. [...] Die dazu gehörigen Statuen seien unterwegs. - Hoffnung, G. einmal in Italien begrüßen zu dürfen.

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