Normalzeugnis Zeugnis

J. v. Wickede nach Tagebüchern eines preußischen Artillerieoffiziers (Wickede2 1, 186)

Von einem Adjutanten des Herzogs Carl August von Sachsen Weimar hatte ... Goethe, der seit einigen Tagen ebenfalls wieder in unserem Lager vor Mainz anwesend war, gehört, daß ich in dieser Batterie commandire. Er besuchte mich alsbald in den nächsten Tagen, und dies war mir ein sicheres Zeichen, daß er eine gewisse Werthschätzung gegen meine Person hege, und meine soldatische Aufrichtigkeit nicht übel genommen habe. Auch als Goethe zu uns kam, sahen wir Alle vom Pulverdampf arg mitgenommen aus, und meine Fäuste waren so schwarz, daß ich ihm kaum die Hand schütteln konnte. Er meinte lachend, jetzt sehe er uns doch so recht bei der Arbeit, aber unser Handwerk gefiele ihm nicht, dabei würde man zu schwarz und schmuzig, und die Ohren müßten ja von all dem Gekrache und Gesause zerspringen. Ich antwortete ihm scherzend: „Freilich, bei seiner Arbeit als Schriftsteller, könne man sich nur mit Tintenklexen an den Fingern beschmutzen, während wir vom Pulver schwarz würden, und der Gesang seiner Schauspielerinnen im Theater zu Weimar kitzele die Ohren wohl sanfter, als das Gekrache unserer Vierundzwanzigpfünder; dafür schaffe unsere Arbeit aber auch besser als die seine.“ Auch Goethe brannte ein Geschütz ab, der Zufall wollte aber, daß nichts mit seinem Schusse getroffen wurde. Später war er noch einmal in meiner Batterie, als wir Bomben auf Mainz warfen, und die Flugbahnen der großen Geschosse mit ihrem Feuerschein in der dunklen Nacht, interessirten ihn sehr. Ich habe bei einer andern Gelegenheit einmal ein langes Gespräch mit ihm darüber gehabt, wie wir Artilleristen die Flugbahnen der Geschosse am raschesten und praktischsten berechnen könnten, und merkte dabei, daß er ein ganz tüchtiger Mathematiker sei, dem die verschiedenen mathematischen Formeln vollkommen geläufig wären ... Die Franzosen in Mainz vertheidigten sich nun unausgesetzt mit eben so viel Tapferkeit wie Geschicklichkeit, und unsere Belagerung schritt weit langsamer fort, als wir dies anfänglich wohl gehofft hatten ... Meine Batterie ward jetzt hinter den Ruinen der schon von uns zerstörten sogenannten Carthause aufgestellt, und so war ich kaum an sechshundert Schritte von den feindlichen Hauptwällen entfernt, und befand mich auf einem sehr vorgeschobenen und gefährlichen Posten ... Hier in dieser Batterie besuchte mich auch einst, während einer Pause wo das gegenseitige Feuer schwieg, Goethe. So sehr ich mich auch sonst über seinen Besuch freute, so bat ich ihn doch solchen möglichst abzukürzen und mich wieder zu verlassen, da der Ort zu gefährlich für ihn sei. Wie leicht konnte er hier von einer feindlichen Kugel getroffen werden, und welch Gelärme wäre nicht entstanden, wenn es geheißen, ein so berühmter Schriftsteller habe sich aus bloßer Neugierde an einen so gefährlichen Platz begeben und sei dort getödtet worden. Wäre ich nicht als Officier hart getadelt worden, daß ich ihn nicht auf die drohende Gefahr rechtzeitig aufmerksam gemacht hätte? Solche so sehr exponirten Batterien waren nur für uns Artilleristen geeignete Orte ... Goethe fügte sich endlich meiner Aufforderung, die Batterie schleunigst zu verlassen, und mochte wohl kaum fünf Minuten entfernt sein, als eine feindliche Bombe gerade auf die Stelle wo er gestanden hatte, hinfiel und beim Platzen einige Mann von meinen Leuten tödtete oder verwundete. Auch ich selbst ward durch einen Splitter am Arm verwundet.

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