Brief
Von Johann Sulpiz Melchior Dominikus Boisserée (20. Dezember 1812)
Dank für die Würdigung seiner Studien zur altdeutschen Baukunst in G.s "Dichtung und Wahrheit" (II 9), die B. für die weitere Tätigkeit Mut mache. - Bewunderung für G.s Aufgeschlossenheit gegenüber der ihn umgebenden Welt, die ihn zu einem wahrsagenden Spiegel derselben mache. G. führe den Menschen nicht mehr ausschließlich die Wahrheit in der Hülle der Schönheit vor, sondern die ernste nackte Wahrheit [...], denn er allein unter den Deutschen habe die Gabe, alles [...], selbst das schwerste und geheimnißvollste, [...] zur allgemeinen Betrachtung und Erkenntniß zu bringen. Durch "Dichtung und Wahrheit" erfülle G. seine Bestimmung als Volksredner, werde allgemein bewundert, rufe aber die Kritik der Geistlichen beider Konfessionen hervor. Die allgemeine Erwartung richte sich nun auf den nächsten Teil; erwähnt: G.s "Faust", "Werther" sowie "Götz von Berlichingen". - Mutmaßungen über den Inhalt der künftigen Teile. - Indem ich dies schreibe, fühle ich für mich nur zu sehr die Wahrheit, daß das Schreiben, wie Sie sagen, nur ein Mißbrauch und alle wahre Mittheilung nur im lebendigen Gespräch zu finden ist. Um so größer sei daher B.s Bedauern, daß dringende unabwendbare häußliche Verhältniße ihn nach Köln gerufen haben und er G. nicht im Herbst habe besuchen können; erwähnt: M. Boisserée. B. habe Vorbereitungen zu einem längeren Aufenthalt in Weimar und bei K. F. Reinhard für den nächsten Sommer getroffen. Bis dahin hoffe er die erste Lieferung von "Ansichten, Risse ... des Doms von Köln" vorliegen zu haben, da die Kupferstecher fleißig und zu meiner steigenden Zufriedenheit arbeiteten. An eine Ankündigung des Werks sei aber während des gegenwärtigen Kriegs nicht zu denken. - Über seine weiteren Pläne zur Geschichte der deutschen Baukunst ("Denkmale der Baukunst vom 7. bis 13. Jahrhundert"), mit der er sich seit langem befasse und die er im Vorwort der "Ansichten" ankündigen wolle. - B. habe seine Studien zur altindischen und ägyptischen Baukunst beendet und wolle sich nun der griechischen und römischen zuwenden. - Vorfreude darauf, die persönlichen Gespräche mit G. wieder aufleben zu lassen und G.s Bemerkungen zu seiner Arbeit zu vernehmen; erwähnt: J. C. Ehrmann aus Frankfurt, den G. aus Straßburg kenne. Ehrmann habe B. aufgefordert, die von den Franzosen aufgelösten Archive der Steinmetzenhütten zu bearbeiten; die Urkunden dazu, hauptsächlich aus Straßburg, halte B. bereits in Händen. Um eine Geschichte des SteinmetzenWesens zu schreiben, habe B. versucht, weitere Quellen zusammenzutragen. M. Boisserée habe auf einer Fahrt durch Brabant wenig Zweckdienliches gefunden. - Über M. Boisserées Reiseeindrücke; Hinweis auf die erstaunliche Armuth an Gemälden der berühmten alten Künstler, die auf die jüngsten Kriegsflüchtungen zurückgehe; erwähnt: H. Memling, J. van Eyck und Leonardo da Vinci. Um eine Geschichte der deutschen Malerei zu schreiben, seien weitere Studien erforderlich. - A. von Helvig habe die Boisseréesche Sammlung für F. Schlegels "Deutsches Museum" beschrieben ("Beschreibung altdeutscher Gemälde"), wobei B. über die Richtigkeit der geschichtlichen Angaben gewacht habe. Helvig habe ihr Interesse am Altertum schon durch ihren "Gang durch Köln" nachgewiesen; erwähnt: P. Cornelius, der sich durch die Bildchen in diesem Taschenbuch bekannt machen mußte; indessen auch bei ihm geht leider die Kunst nach dem Brod. Erneute Entschuldigung für B.s langes Schweigen, das durch seinen Verdruß, G. nicht besuchen zu können, verursacht worden sei; Erwähnung eines Briefes von Reinhard.
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