Brief

An Carl Friedrich Zelter (1. Juni 1809)

Von Ihnen, theuerster Freund, wieder ein mal einige Worte zu sehen, war mir höchst erquicklich. Ich denke tausendmal an Sie und bedaure, daß diese verwor rene Zeit uns noch mehr als sonst von einander trennt. Selbst zum Schreiben fühlt man wenig Lust. Man entwöhnt sich des Correspondirens, wie man sich in Staaten, wo scharfe Censur ist, das Lesen abgewöhnt. Eberwein preise ich glücklich, ja ich beneide ihn, daß er in Ihrer Nähe wohnen und von Ihnen Aufklärung über Leben und Kunst gewinnen kann. Da unsere Oper diesen Sommer nicht nach Lauchstädt geht; so ist er wohl entbehrlich, und er mag nur so lange ausbleiben bis er wie der berufen wird. Ein kleines Gedicht lege ich bey. Vielleicht mögen Sie es selbst mit der nöthigen musikalischen Declamation begleiten; vielleicht geben Sie es Eberweinen, zum Versuch auf. Ich bin dazu veranlaßt worden durch gute Menschen aus jener Gegend, die in einer alles verschlingenden Zeit, das Andenken einer reinen Menschen handlung erhalten wünschten. Da es noch nicht räthlich war nach Carlsbad zu gehen; so befind’ ich mich in Jena, wo ich einen Roman fertig zu schreiben suche, den ich vorm Jahre in den böhmischen Gebirgen concipirt und angefangen hatte. Wahrscheinlich kann ich ihn noch in diesem Jahre her ausgeben und ich eile um so mehr damit, weil es ein Mittel ist mich mit meinen auswärtigen Freunden wieder einmal vollständig zu unterhalten. Ich hoffe Sie sollen meine alte Art und Weise darin finden. Ich habe viel hineingelegt, manches hinein versteckt. Möge auch Ihnen dieß offenbare Geheimniß zur Freude gereichen. Seit Eberweins Abschied und allerley theatralischen Händeln bin ich von der Musik ziemlich abgeschnitten. Ich hoffe künftig durch ihn desto froheren Genuß. Wiederklänge aus Ihrem Himmel zu dem ich selbst leider niemals gelangen sollte; worüber ich denn doch manchmal verdrieß lich bin. Jetzt in kriegerischen Zeiten sieht man erst wie unbehülflich und un geschickt man sich im Frieden betragen hat. Der kleinen Ballade, wenn sie com ponirt ist, geben Sie eine Publicität welche Sie wollen und lassen mich nicht gar zu lange ohne ein aufmunterndes theilneh mendes Wort. Leider ist mir dieser Winter sehr ungenutzt und unerfreulich hingegangen. Seit dem Frühjahre habe ich wieder angefangen, an der Farbenlehre zu redigiren und drucken zu lassen, bin in der Geschichte bis zu Ende des 17n Jahrhunderts und im Ganzen bald am 60n Bogen. Es sieht wunderlich aus, wenn eine so große Masse eigenen und frem den Lebens auf dem Papier steht und doch immer nicht nach was rechts aussehen will. Das Geschriebene wie das Gethane schrumpft zusammen und wird immer erst wieder was, wenn es aufs neue ins Leben aufgenommen, wieder empfunden, gedacht und gehandelt wird. Herr Hirt hat mir sein großes Werk über die Baukunst geschickt. Ich habe mich höchlich gefreut, ein so bedeutendes über zwanzigjähriges Unter nehmen endlich noch glück zu sehen. Leben Sie recht wohl und gedenken Sie mein. G Jena den 1. Juni 1809.

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