Normalzeugnis Zeugnis

J. H. W. Tischbein, Aus meinem Leben (Schiller 2, 89)

Er Venuti führte uns nach Pompeji; seine Gemahlin und der Kupferstecher Georg Hackert waren auch mit ... Nachdem wir uns lange an der schönen Gegend ergötzt hatten und vom Anschauen der ausgegrabenen Antiken und so vielfacher Gegenstände ermüdet waren, gingen wir nach Torre dell’Annunziata, wo uns in einer Osteria ein Mittagsmahl erwartete. Hier wurde viel gescherzt; aber der rechte Spaß begann erst nach dem Essen. Wir gingen an den Strand des Meeres, welcher gerade hinter dem Hause war. Die Meisten streckten sich hier auf den Sand nieder, der sanft wie Sammet ist. Doch war ihre Ruhe nur von kurzer Dauer. Sie sprangen bald wieder auf und der gute Lacrymä-Christi, welcher in die Köpfe gestiegen war, that seine Wirkung, besonders bei Hackert. Sie fingen an zu schäkern und sich mit Sand zu werfen. Die Marchesina Venuti, welche einen munteren Geist hatte, wollte sich nicht überwinden lassen. Beide Hände griff sie voll Sand und warf damit. Nun wurde der Kampf allgemein; Jeder wurde beworfen und Jeder griff nach Sand; anfangs nur nach trockenem, dann nach feuchtem und endlich nach ganz nassem, so daß Alle ganz übertüncht wurden. Dann fielen sie erschöpft zur Erde; aber kaum ausgeruht, erneuerten sie den Kampf mit noch größerem Eifer. Jetzt wurde nur nach dem nassesten im Wasser gegriffen; der Gegner wollte das Einsammeln dieser anklebenden Munition verhindern und stieß den, welcher sich eben danach bückte. Dadurch kam der in’s Wasser, und damit auch der Andere naß würde, zog er ihn nach. So begann nun der Kampf im Meere. Sie benetzten sich mit Seewasser und trieben sich in dem nassen Elemente umher, wo dann die Kampflust abgekühlt wurde. Ganz ermattet streckten sie sich auf den Sand an die Sonne; in kurzer Zeit war Alles wieder trocken, der Sand fiel ab und ließ nicht den geringsten Fleck nach. Das Ufer ist hier so flach, daß man weit in’s Meer hineingehen kann, ehe das Wasser bis an die Waden steigt. Goethe hatte sich vom Kampfe abgesondert und klopfte Stücke von den Felsblöcken, welche hier liegen, um die Brandung zu brechen, und untersuchte die Steinarten. – Von da fuhren wir mit Venuti nach seinem Hause. Alle Abende versammelte sich bei ihm eine Gesellschaft von Liebhabern der Künste und Wissenschaften. Da wurde über Vielerlei gesprochen. Er besaß viele Kunstsachen, Antiken von Bronze, hetrurische Vasen, und war für einen Dilettanten ein braver Zeichner und Maler. Unter Andern hatte er den Homer gemalt, wie er sitzt und singt, um ihn her die Helden des trojanischen Krieges im Elysium als Schatten; eine Composition, welche ihm Ehre machte und sein dichterisches Talent zeigte.

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