Normalzeugnis Zeugnis

Böttiger, *Lit. Zustände 1, 39

Den 23ten März 92. Wegen der Abreise des Prinz August von Gotha, die künftige Woche erfolgen soll, wurde heute schon die Versammlung für den April gehalten. Aber der gute Prinz war diesen Nachmittag sehr gefährlich krank geworden. Er konnte nicht in unserer Mitte seyn. Mit ihm blieben noch einige weg, die uns heute besuchen wollten. Prof. Kästner setzte zuerst seine psychologischen Bemerkungen über das Vorstellungsvermögen der Seele fort, und bestimmte und klassifizirte heute die Gründe der deutlichern oder dunklern Apperception, alles noch als Vorbereitung auf die Lehre von den fixen Ideen, und den verschiednen Graden des Wahnsinns, die damit verbunden sind, und davon nun die folgende Vorlesung handeln wird. Zu den Dingen, davon das kleinere oder größere Maaß der Deutlichkeit unserer Vorstellungen abhängt, rechnete er unter andern 1) die uns umgebenden örtlichen Gegenstände. Ein wohlgenährter Landprediger konnte nur bei einem gewissen bestimmten Aufputz seiner Studierstube auf seine Predigt meditiren, und hatte auch einen eigenen Denkstuhl. 2) Die Schärfe gewisser Sinne für gewissen Ideen. 3) Das Interesse der Lebensart, des Berufs, der Liebhaberei, wobey man für gewisse Ideen auserordentlich empfänglich, für andere ganz stumpf ist. Connoisseurship auf der einen, Pedanterei auf der andern Seite. 4) Das Interesse des Selbsterfundenen. Pädagogische Folge daraus für den Vortrag beim Unterricht. Wer nicht die Kunst versteht, seine Lehrlinge oder Leser zu dem Gesagten oder nur Angedeuteten vieles selbst hinzu erfinden zu lassen, ist kein guter Lehrer. Hierauf gründet sich alle Sokratische Hebammenkunst. 5) Verschiedene Ideenempfänglichkeit des zarter organisirten weiblichen, und des festeren männlichen Geschlechts. Schnellere, feinere, im kleinen Kreise alles inniger umtastende Rezeptivität ist das Prärogativ des Weibes. Abschweifung zum Lobe dieses Vorzugs. Wunsch ihn durch Erziehung zu schärfen und zu veredeln. 6) Verschiedene Auffassung der Ideen nach Verschiedenheit des Alters. Anders faßt und hält die Ideen der Knabe, anders der Jüngling, anders der Mann, anders der Greiß. 7) Nach Verschiedenheit der Temperamente. Ausgesuchte Beispiele und ein gewählter Ausdruck gaben dieser Vorlesung einen mannigfaltigen Reiz. Der Leg. Rath Bertuch unterhielt uns hierauf vom Alter und Ursprung der Englischen Gärten. Zuerst eine Blume auf Hirschfelds Grab. Seine Gartentheorie, wozu er die Keime auf seiner Schweizerreise sammelte, u. wodurch er von deutschem Fleiß und deutschem Geschmack ein festbestehendes Monument lieferte, würde doch von dem trefflichen Manne noch wichtige Verbesserungen haben erhalten können. So scheint seine Erklärung von der Entstehung der Englischen Gärten nicht recht gründlich zu seyn. Er glaubt, die Engländer hätten die Idee dazu aus ihren mahlerischen Dichtern Milton, Thomson u. s. w. geschöpft. Aber dieß konnte es nicht allein machen. Kent, der große Schöpfer der Englischen Gartenkunst, zerbrach das Joch des berühmten le Notres, und seinen Baumscheeren und gradlinigten Alleen Zwang grade um die Zeit, wo die Englische Ostindische Compagnie ihre große Ausbreitung erhielt, und jeder reiche Engländer von Geschmack Italien besuchte. Aus diesen zwei Quellen schöpfte der Engländer seine Gartentheorie. Die Chinesischen Gärten gaben ihm die Idee der vermannigfaltigten Naturscenen. Die Betrachtung der alten villas und der Römischen Baukunst weckten und bereicherten den Geschmack an schönen Gebäuden in diesen Gärten. Castell on the villas of the Ancient kam zu London in groß fol. fast um eben die Zeit heraus, wo die neue Englische Gartenkunst sich zu bilden anfieng. Der Königl. Gärtner William Chalmers reißte selbst nach China, und ließ bei seiner Rückkehr Ansichten (views) von Chinesischen Gärten stechen, die, sollten sie auch hier u. da etwas verschönert seyn, doch gewiß nicht bloße Geschöpfe seiner Phantasie sein können. Er gab auch einen Versuch über die Orientalische Gartenkunst (Essay on Oriental gardening) heraus. Aber was die Sache noch deutlicher und unwidersprechlicher macht, ist ein Chinesisches Gedicht, das ein Mandarin, ein gelehrter Chinese schon im Jahre 1300 unserer Zeitrechnung auf seinen eigenen Garten machte, und das uns nun B. aus den Mémoires sur la Chine in einer sehr getreuen, doch schönen Übersetzung am Schluße vorlas. Der ganze Garten umfaßt 60 Morgen Landes, und hatte alle die Abwechslung u. Szenerie, deren nur immer der schönste Englische Park sich rühmen kann. Ungeheure Grotten, zwischen Felsenwänden eingeschlossene Wasserspiegel u. Seen, Einsiedeleien, Belvederes auf einem schiffbaren Strom, eine Gartenbibliothek, Caskaden, Stauden und Gesträuchpflanzungen (shrubberies) alles schildert der Chinesische Gartensänger mit so neuen, orientalischkühnen Bildern, daß dieß selbst schon für die Ächtheit des Stücks bürgt. – Das Gedicht machte auf uns alle einen sehr starken sinnlichen Eindruck, und es wurde hierauf vieles über die Frage gestritten, ob man auch diesem Gedichte, oder wenigstens dem Französischen Dolmetscher trauen dürfe? Als Jesuiten und Missionars sind sie freilich sehr verdächtig. Als solche hatten sie ein großes Interesse, alles Chinesische sehr herauszustreichen! Nun überraschte uns Göthe mit einem Aufsatz, dessen Ankündigung eben so befremdend, als die Ausführung hinreißend und unterhaltend war. Es ging ein auf einen Bogen gezeichneter Stammbaum herum, und zugleich kündigte uns Göthe an, er wolle uns etwas über Cagliostros Stammbaum und die Familie dieses Wundermannes vorlesen. Als ich, fing er an zu erzählen, im Jahre 1787 mich auf meiner Reise einige Zeit zu Palermo in Sicilien aufhielt, wurde in allen Gesellschaften vom Grafen Cagliostro als einem gebornen Palermitaner, dessen nächste Blutsfreunde noch in kümmerlichen Umständen in Palermo lebten, gesprochen. Man sagte mir in einer Gesellschaft, ein sehr geschickter Advokat habe auf Requisition des Französischen Hofs die Familienumstände des Herrn Landsmanns genau untersucht, und darüber ein memoire nach Paris geschickt, wo sich damals der bekannte Halsbandproceß für Cagliostro damit geendigt hatte, daß dieser frey gelassen u. nach England gegangen war. Meine Neugierde, diesen Advocaten selbst kennen zu lernen, wurde durch die Dienstfertigkeit eines aus der Gesellschaft bald befriedigt, der mich schon des andern Tages bei diesem Mann einführte. Dieser legte mir hierauf den ganzen Stammbaum des Abentheurers und zugleich eine Abschrift des Memoires vor, das er nach Frankreich zur Entlarvung des Herrn Balsamo geschickt hatte. Sein mütterlicher Großvater hatte wirklich Joseph Cagliostro geheißen, unter welchem Namen sich noch Verwandte in Messina befinden. Sein Vater war ein Kaufmann, der insolvent geworden, u. bald gestorben war. Der junge Balsamo hatte einige Zeit in einem Kloster der Barmherzigen Brüder zugebracht, wo er eben sein bischen empirische Medizin gelernt hatte, weil dieser Orden die Krankenpflege in den Spitälern besorgt. Als er dieser Klosterzucht entlaufen war, lernte er alle Hände meisterhaft nachmachen, kam dieser Kunst wegen ins Gefängniß, und entkam diesem durch eine Flucht nach Rom, wo er seine Seraphine, eine Gürtlerstochter heirathete, durch ihren Erwerb nun die Rolle eines Grafen Peligro zu spielen anfing, u. unter diesem Namen selbst die Unverschämtheit hatte, wieder nach Palermo zu kommen. Aber hier wurde er erkannt, u. zum zweitenmal fest gemacht. Aber auch dießmal wußte er sich seine Freiheit durch die Schönheit seiner Frau zu verschaffen, deren erklärter Liebhaber, ein roher junger principe den Advocaten, der gegen Balsamo diente, so mishandelte, daß dieser aus Angst nun selbst die Loslassung des Gefangenen bewirkte. Nun verließ unser Held Palermo zum zweitenmal, nahm seines Grosvaters, Cagliostro, Namen an, u. durchstrich, wie bekannt, Europa. Dieß und vieles andere lernte ich aus jenem Memoire, das ich vom Advocaten zum Ansehen erhielt, so wie ich mir auch den dabei befindlichen Stammbaum kopirte. Der Advocat hatte die Data zu dem leztern von seiner noch lebenden Mutter u. Schwester auf eine gute Art zu erhalten gewußt. Dieß machte mich neugierig, diese Familie selbst kennen zu lernen. Es hielt schwer, da es arme Leute waren, die jeden Besuch eines Fremden sehr verdächtig finden mußten. Aber der Schreiber des Advocaten, der mir die Sache kommunicirte, erbot sich doch, mich als einen Engländer dort bekannt zu machen, der genaue Nachricht von der Befreiung Cagliostros aus der Bastille u. seine glückliche Ankunft in England zu überbringen habe. Der Anschlag glückte. Nun erzählte Göthe mit seiner unnachahmlichen Kunst zu erzählen, u. Familienszenen zu mahlen, seinen Eintritt in die kleine Wirthschaft dieser armen Bürgerfamilie. In der Küche wusch Cagliostros Schwester eben das Eßgeschirr auf, und deckte sogleich beim Eintritt der Fremden, die hier durch die Küche in die Wohnstube passiren mußten, durch Überschlagen der Schürze den noch weniger abgetragenen und verschossenen Vordertheil ihres Rocks auf. In dem Wohn- und Familienzimmer, die ganze Familie hatte nur dieß einzige, sah alles ärmlich, doch reinlich aus. Schwarze Heiligenbilder hingen an der Wand, die einst gefärbt gewesen waren. Die Rohrstühle waren einst vergoldet gewesen. Ein einziges Fenster erleuchtete das Zimmer, an dessen einem Ende die alte harthörige Mutter, an dem andern eine kranke schlafsüchtige Frau saß, die man in der Familie, trotz alles eigenen Mangels, aus Barmherzigkeit unterhielt. Göthe mußte nun der alten Mutter die Nachricht von ihrem Sohne weitläuftig verdolmetschen lassen, da er des gemeinen Dialects der Sizilianer nicht ganz kundig war. Die Schwester, die selbst schon 3 erwachsene Kinder hatte, u. eine arme Witwe war, erzählte, daß es ihr kränkend sey, daß ihr ihr Bruder, der große Schätze besitzen solle, nicht einmal die 13 Unzie d’oro (Dukaten) wieder schicke, womit sie ihm bei seiner lezten Abreise aus Palermo seine versetzten Sachen eingelößt habe. Fragen an Göthe, ob er nicht das Rosalienfest in Palermo mit abwarten wolle, ob er einen Brief an ihren Bruder nach England bestellen wolle. Die alte Mutter fragt, ob er wohl ein Ketzer sei u. s. w. Beim Abschied, der schon sehr traulich war, verspricht Göthe, morgen wieder zu kommen, und den Brief selbst abzuholen. Er kommt auch den andern Tag wirklich wieder, u. erhält einen Brief, und einen pathetischen (rührend geschilderten) mündlichen Auftrag von der alten Mutter, die keinen ganzen Mantel mehr hat, um in die Messe gehn zu können. Beim Abschied rührende Zunöthigung, das Fest der Heil. Rosalia noch in Palermo u. in Gesellschaft dieser guten armen Leute zu feiern. – Hätte es Göthes Reisekasse auf der Stelle erlaubt, er hätte seinen kleinen Betrug sogleich dadurch gut gemacht, daß er unter dem Vorwand, er wolle sich dieß Geld in England vom Bruder wieder geben lassen, der Schwester noch vor seiner Abreise die 13 Dukaten geschickt hätte, die sie vor ihren Bruder ausgelegt hatte. Was indeßen damals nicht geschehn konnte, ist später noch aus Deutschland geschehn. Göthe hatte diese Auftritte in einigen Zirkeln seiner Freunde erzählt. Diese setzten ihn in Stande, der armen Familie noch mehr zu schicken, als jenes betrug. Der Englische Kaufmann in Palermo Corf, an den es Göthe spedirte, händigte es ohne alle Adresse ein. Die guten Leutchen meinten, dieß käme wirklich von ihrem Bruder aus England, u. dankten ihm schriftlich. Auch diesen Brief, den dann Göthe von jenem Kaufmann zugeschickt erhielt, las er uns jetzt vor. Er war sehr rührend. Die Gabe war grade zum Weihnachtsfest angelangt. Die Mutter schrieb die Rührung des Herzens ihres Sohnes dem heiligen Mutter Gottes Kinde zu. Noch hat Göthe eine Summe in Händen, die er der armen Familie, die durch neueste Schicksale Cagliostros in Rom aller Hoffnung beraubt seyn muß, noch zuschicken wird. – Einer aus der Gesellschaft glaubt, es sei das Honorar das Göthe von Unger in Berlin für das Msct des Groskophta erhalten hat. Mir ists auch aus andern Gründen wahrscheinlich, und so wäre es in der That höchst sonderbar, daß eine Summe Gelds, die durch ein Schauspiel erworben wurde, das Cagliostros Betrügereien und stirnlose Frechheit geißelt, dieses nähmlichen Cagliostros alter Mutter u. hülfloser Schwester in Palermo zur Erquickung gereicht, und daß beides ein und derselbige Deutsche that. Vergeblich würde ich mich übrigens bemühn, die Schilderungen und kleinen entzückenden Details wiederzugeben, die Göthe in die Erzählung dieses kleinen Reiseabentheuers zu verweben gewußt hatte. Enfin la sauce valoit bien la viande. So schwebt mir jetzt gleich noch das Gemäldchen vor Augen, wie beim ersten Besuch bei der Familie Göthe mit seinem Begleiter ins grose, leere Gemach eingewiesen worden war, so verweilt die Schwester, die sie in der Küche angetroffen hatten, noch etwas in der Küche. „Als sie hereintrat, erzählte Göthe, hatte sie eine reine weise Schürze umgethan, und statt der klappernden Korkpantoffeln Schuhe mit einem rothen Bändchen angezogen. Sie setzt sich mir schief über, stemmt beide Hände auf die Knie, und befühlte nun so vorwärts gebogen mit arglosem, unbeleidigendem Blick jede Muskelbewegung des ihr fremden Mannes.“ Vieles, was später in den zu Rom aus dem Verhör gedruckten Nachrichten von Cagliostro stand, war noch ausführlicher in jenem Memoire des Palermitanischen Advokaten, das Göthe blos darum nicht ganz kopirt, weil er gewiß glaubte, man würde es in Paris selbst sogleich drucken lassen. Den Beschluß machte für diesmal der Geheimerath Bode, indem er uns eine Probe seiner neuen Dolmetschung von Montaigne vorlas ... Die uns vorgelesene Probe des ersten Capitels des zweiten Buches: Vom Inconsequenten in unsern Handlungen, bewies hinlänglich, welches Meisterstück wir zu erwarten haben. Zwei versprochene Abhandlungen vom Durchstechen der berühmtesten Isthmen zum Behuf der Handlung in alter und neuer Zeit, vom Geheimerath Voigt, und über die Venus vom Major v. Knebel, mußten wegen Kürze der Zeit auf’s künftige Mal aufgehoben bleiben.

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