Normalzeugnis Zeugnis

Ungenannt in: Voss. Zeitg. 27. 4. 1904

Die erste Begegnung des Olympiers mit Tieck wird von der „Schles. Ztg.“ der „Straßburger Post“ folgendermaßen nacherzählt: Tieck hatte schon verschiedenes veröffentlicht und selber mehrere seiner Schriften Goethe zugesandt. Er konnte also annehmen, kein Unbekannter für ihn zu sein, und erlaubte sich deshalb, als er eines Tages in Weimar war, den Dichterfürsten ohne weitere Empfehlung einfach in seiner Wohnung aufzusuchen. Ob Goethe gerade schlechter Laune war oder sich im Augenblick des Namens Tieck nicht erinnerte, läßt sich nicht feststellen. Tatsache aber ist, daß er dem den Besuch anmeldenden Diener den Auftrag erteilte, den fremden Herrn abzuweisen. Er besann sich jedoch sofort eines anderen, rief den Diener zurück und trat selbst in das Vorzimmer. „Sie wünschen mich zu sehen?“ fragte er den sich ehrerbietig vor ihm Verneigenden. „Gewiß, Herr Geheimer Rat,“ antwortete Tieck. „Nun, so sehen Sie mich,“ sagte Goethe, indem er sich langsam und majestätisch um seine Achse zu drehen begann. „Haben Sie mich gesehen?“ fragte er, als er seine Drehung beendet hatte. „Unzweifelhaft,“ antwortete Tieck, der sich von seiner anfänglichen Verblüffung bereits wieder erholt hatte. „Nun, so können Sie wieder gehen,“ sagte der Olympier, indem er sich selbst würdevoll umwandte, um in sein Zimmer zurückzukehren. „Noch einen Augenblick, Herr Geheimer Rat, wenn ich bitten darf,“ rief Tieck ihm nach. „Was wünschen Sie noch?“ fragte Goethe unwillig. „Nur eine Kleinigkeit,“ antwortete Tieck, indem er mit der Hand in die Tasche fuhr. „Was kostet die Besichtigung?“ Eine solche Keckheit war dem Dichterfürsten in seinem eigenen Hause noch nicht entgegengetreten. Wortlos betrachtete er den kühnen Besucher, den er bis jetzt kaum flüchtig angesehen hatte, mit scharfen, durchdringenden Blicken, und da gewahrte er so viel Ungewöhnliches und Interessantes, daß sein Zorn sofort verrauchte. „Sie gefallen mir“, sagte er nach einigen Augenblicken „treten Sie bei mir ein.“ Auf diese Weise begann zwischen den beiden so verschieden gearteten Männern die persönliche Bekanntschaft.

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