Normalzeugnis Zeugnis

J. J. Horner an C. Horner 25. 10. 1794 (Zürcher Taschenbuch 1915/17 S. 215)

Ich fuhr am nemlichen Tage noch mit Meyer von Stäfa, dem Hofmahler der Herzogin Mutter, nach Weimar ... Am Sonntag Morgen machte ich Göthen meine Aufwartung, bey welchem Meyer im Hause wohnt. Er ist ein Mann gerade in s. besten Jahren ziemlich groß u. hat bey einer gemeinen physiognomie doch sehr viel feine Züge – Er war damals ziemlich kurz an Worten, welches ich ihm auch gar nicht verdenken kann. Ich besah noch sein fürstliches Cabinet von Handzeichnungen berühmter Meister und sein mit dem feinsten epicureischen Geschmak eingerichtetes wie es scheint inwendig neu gebautes Haus ... Auf den Abend war ich mit Meyer zu Herder zum Thee u. Nachteßen eingeladen, wozu sich Göthe, Böttiger u. noch andere einstellten. – Herder hat mir äußerst wohl gefallen – er ist ein großer beynahe vierschrötiger Mann u. hat etwas beynahe schwärmerisch heiteres in seinem Blike – Die Gesellschaft war äußerst ungeniert ohne unhöflich zu sein. Jeder sprach und stand oder sezte sich zu wem er wollte. Ich unterhielt mich fast die meiste Zeit mit Herdern und mußte ihm von allen unsern Gelehrten sagen was ich wußte. Steinbrücheln erhob er sehr und bedauerte, daß er nichts mehr druken lasse. Hottinger, Corrodi, Ratsherr Füßli, Brunner, Geßner, Hagenbuch, alle kamen an die Reihe, am Ende blieben wir auf Salis u. Matthison sizen und recensierten den letztern daß kein gutes Haar an ihm blieb – Die Recension in der Allgemeinen Literatur Zeitung 1794 No 298. 299 ist von Schiller. Überall mußte ich Herders feine Bemerkungen seinen geläuterten Geschmak u. s. feines Gefühl bewundern – bey Tische hatten Kopf u. Magen den köstlichsten Schmaus – Ein gewißer Prof. Meyer aus Berlin erzählte die Heyraths- u. Sterbensgeschichte des Hofrath Moriz auf eine so infam witzige u. freylich mitunter selbst erfundene Manier daß wir uns alle vor lachen den Bauch halten mußten – Dies wekte Göthen so nach u. nach aus s. Kälte auf. – Er saß neben mir u. wir schenkten uns wechselseitig um die Wette ein – nun fieng auch er an von Moriz zu erzählen was er in Rom für dumme Streiche gemacht hatte u. schlug mit seinem Wiz der viel feiner war den Professor und bisweilen auch Herdern zu Boden – bald kam die Rede wieder auf andere Gegenstände z. B. das Theater, dem Herder gar nicht günstig ist – und nachher auf die Oper. Hier ließ sich Göthe ganz mit mir ein weil ich ihm unsere Italiener, die er auch gesehen hatte, so sehr lobte – Ich mußte erzählen was ich wußte u. nicht wußte – doch du bist nicht dabei gewesen und eine trokene Erzählung von solchen Sachen interessiert eben nicht immer.

Bezüge im Wissensnetz

Teil von (2)

GZP-Knowledge-Graph

Hat Sprache (1)

GZP-Knowledge-Graph
  • Deutsch

Fand statt in (1)

GZP-Knowledge-Graph

Geschaffen von (1)

GZP-Knowledge-Graph
Cookie-Einstellungen