Normalzeugnis Zeugnis
Dichtung und Wahrheit XVIII (WA I 29, 97)
Ich trennte mich von meinen Gesellen, indem ich einen Seitenweg einzuschlagen hatte, um nach Emmendingen zu gehen, wo mein Schwager Oberamtmann war. Ich achtete diesen Schritt meine Schwester zu sehen, für eine wahrhafte Prüfung. Ich wußte, sie lebte nicht glücklich, ohne daß man es ihr, ihrem Gatten oder den Zuständen hätte Schuld geben können ...
Bei’m Abschiede nach kurzem Aufenthalte lag es mir noch schwerer auf dem Herzen, daß meine Schwester mir auf das ernsteste eine Trennung von Lili empfohlen, ja befohlen hatte. Sie selbst hatte an einem langwierigen Brautstande viel gelitten ...
Diese Zustände, diese Erfahrungen waren es, wodurch sie sich berechtigt glaubte, mir auf’s ernsteste eine Trennung von Lili zu befehlen. Es schien ihr hart, ein solches Frauenzimmer, von dem sie sich die höchsten Begriffe gemacht hatte, aus einer wo nicht glänzenden, doch lebhaft bewegten Existenz herauszuzerren, in unser zwar löbliches, aber doch nicht zu bedeutenden Gesellschaften eingerichtetes Haus, zwischen einen wohlwollenden, ungesprächigen, aber gern didaktischen Vater, und eine in ihrer Art höchst häuslich-thätige Mutter, welche doch, nach vollbrachtem Geschäft, bei einer bequemen Handarbeit nicht gestört sein wollte, in einem gemüthlichen Gespräch mit jungen herangezogenen und auserwählten Persönlichkeiten.
Dagegen setzte sie mir Lili’s Verhältnisse lebhaft in’s Klare; denn ich hatte ihr theils schon in Briefen, theils aber in leidenschaftlich geschwätziger Vertraulichkeit alles haarklein vorgetragen.
Leider war ihre Schilderung nur eine umständliche wohlgesinnte Ausführung dessen, was ein Ohrenbläser von Freund, dem man nach und nach nichts Gutes zutraute, mit wenigen charakteristischen Zügen einzuflüstern bemüht gewesen.
Versprechen konnt’ ich ihr nichts, ob ich gleich gestehen mußte, sie habe mich überzeugt.
Bezüge im Wissensnetz
Teil von (2)
Weitere QuellenHat Sprache (1)
GZP-Knowledge-Graph- Deutsch