Tagebucheintrag
Reisetagebuch Italien 1786, 4. Oktober 1786
d. 4. Oktbr. Mittag
Es hat heute geregnet und ich habe die Zeit gleich angewendet,an der Iph. zu schreiben. Nun der Geliebten einige Worte.
Gestern war ich in der Kommödie Theatro S. Luca. die mir vielFreude gemacht hat. Ein extemporirtes Stück in Masken, mit Viel Naturel, Energie, und Bravheit ausgeführt. Sie sind nichtgleich. Der Pantalon ist recht brav, und die eine Frau die der Gr.Lanthieri sehr ähnlich sieht, keine grose Acktrice aber spricht exzellent und weis sich zu betragen. Ein tolles Sujet, das mitunglaublicher Abwechslung gern 3 Stunden unterhielt. Doch istimmer wieder das Volck die Base worauf das alles steht. DasGanze machts, nicht das einzelne. Auf dem Platz und am Ufer und auf den Gondeln und im Pallast.
Der Käufer und Verkäufer, der Bettler der Schiffer die Nachbarinn,der Advokate und sein Gegner alles lebt und treibt undläßt sichs angelegen seyn und spricht und betheuert und schreytund bietet aus und singt und schilt und flucht und lärmt. Und abends gehn sie in’s Theater und sehn und hören das Lebenihres Tags, nur künstlich zusammengestellt, artiger ausgestutzter mit Mährgen durchflochten pp und freuen sich kindisch undschreyen wieder und klatschen und lärmen. es ist alles vonNacht zu Nacht, ja von Mitternacht zu Mitternacht immer dasselbe.
Ich habe nicht leicht natürlicher agiren sehn, als diese Masken,aber ein ausgezeichnetes glückliches Naturell.
Da ich das schreibe ist ein Larm auf dem Canal unter meinemFenster, der bis nach Mitternacht anhält. sie haben im Guten und Bösen immer etwas zusammen.
In dem Hause Farsetti ist eine kostbare Sammlung von Abgüßender besten Antiken. Ich schweige von denen die ich von Mannheimher und sonst kannte, und erwähne nur neuer BekanntschafftenDer Cleopatra die kolossalisch ruht den Aspic auf den Arm gebunden hat, und in den Todt hinüber schläft. Der Mutter Niobe, die ihre jüngste Tochter mit dem Mantel vor den Pfeilendes Apolls deckt, Einiger Gladiatoren, eines in seinen Flügelnruhenden Amors, eines sitzenden und stehenden Marius, es sindWerke an denen sich Jahrtausende die Welt freuen kann und erschöpft den Werth des Künstlers nicht. Auch sehr schöne Büsten.Ich fühle nur auch jetzt wie weit ich in diesen Kenntnißenzurück bin, doch es wird rücken, wenigstens weiß ich den Weg.Palladius hat mir ihn auch dazu und zu aller Kunst und Lebengeöffnet. Es klingt das vielleicht ein wenig wunderlich, aber doch nicht so paradox, als wenn Jakob Böhme bey Erblickungeiner zinnernen Schüssel über das Universum erleuchtet wurde.Komm ich zurück und du bist mir hold; so sollst du auch ummeine Geheimniße wißen.
Auch steht in dieser Sammlung ein Abguß eines Stücks der Friseund des Carnises vom Tempel des Antonins und der Faustina wovon ich, dir eine flüchtige Idee zu geben, aus den Werken desPalladius, die Formen leicht durchzeichnen will. Obgleich inkeiner Zeichnung die vorspringende Gegenwart der Architecktur erreicht wird. Dies ist ohne dies nur ein armes Bildchen.|: Ich hab es weggelaßen es war gar nichts :|
Morgen Donnerstag spielt die truppe, zu St Luca nach der Anzeigeeine Art historisches Stück. Sonnabend ist solenne Messe bey der Hl. Justina welcher der Doge beywohnt, den ich dann auch in Pontifikalibus mit dem Adel sehen werde. Sonntag istdder Weihe Tag der Markuskirche wo er auch wieder erscheint.Bis dahin wollen wir sehn was uns an der Iphig. und den VenetianischenMerckwürdigkeiten zu sehen noch übrig bleibt.
p. 523. Paradies von Tintoret. Auch eine Verherrlichung der Mutter Gottes. Aber reicht nicht an Geist an jenes in der CasaBevi l’aqua zu Verona. Eine Bemerkung glaube ich zu machendaß Tintoretten kleinere Figuren beßer geriethen als große. daß er da ganz der Grazie und Leichtigkeit seiner Natur sich überlaßenkonnte und daß ein größer Maas ihn genirte.
auch in diesem Paradies sind die Figuren gröser und das Bild istimmer von ihm, aber iener Glanz des Geistes wird hier vergebensgesucht. Auch hat er jenes gewis jung gemahlt, wie ich ausallem und der reizenden Eva schliese, dieses im Alter. Eva istganz versteckt.
Die übrigen Gemählde im Pallast hab ich alle gesehn und mirsie erklären lassen, und habe wenigstens ein Bild in der Seelevom ganzen und von den merckwürdigsten Gegenständen.
Ich habe jetzt einen Lohnbedienten. Einen trefflichen Alten.Einen Teutschen – der mir täglich was er mich kostet erspart.
Er ist mit Herrschafften durch ganz Italien gegangen und weisalles recht gut. Er dressirt die Italiäner, auf die rechte Weise. Sogiebt er Z. E. genau das wenigste Trinckgeld an jedem Orte, ichmuß überall für einen Kaufmann passiren.
Er zanckte sich mit einem Gondolier um 10 Soldi, mit einem ungeheuren Lärm, und der Gondol. hatte noch dazu Recht. Ernimmt aber keine Notiz, heut im Arsenal hat ers eben so gemacht.Er sieht ohngefähr aus wie Wende, hat auch die Manieren.Es ist mir lieb, daß ich die ersten Tage allein war und liebdaß ich ihn nun habe.
Es war mir die Lust angekommen mir einen Tabarro mit denApartinentien anzuschaffen, denn man lauft schon in der Maske. Hernach dauerte mich aber das Geld und bin ich ihnen nichtschon Maske genug? ich will mir dafür einen Vitruv kaufen undmir eine Freude bereiten die auch ausser Venedig und dem Carneval dauert.
Abends.
Ich bin recht gut gewöhnt, wenn es Nacht schlägt geh ich nachHause. Der lärmige Platz wird mir einsam und ich suche dich.Nun einiges.
Ich habe nun öffentlich reden hören:
1) 3 Kerls auf dem Platze nach ihrer Art Geschichten erzählend.
2) 2 Prediger
3) 2 Sachwalter
4) Die Commödianten, besonders den Pantalon.
alle haben etwas gemeines, sowohl weil sie von Einer Nationsind, die beständig im Leben und sprechen begriffen ist, als auchweil sie sich unter einander nachahmen.
Sie haben gewiße Lieblings Gesten, die ich mir mercken will,und überhaupt üb’ ich mich sie nachzumachen und will euch in dieser Art Geschichten erzählen, wenn ich zurück komm ob siegleich mit der Sprache vieles von ihrer Originalität verliehren,auch liegt die Figur des einen Advocaten bey, die viel unter derCarikatur des Originals ist.
Heute am Fest des Heil. Franciskus war ich in seiner Kirche Francesco alle vigne. Des Kapuciners laute Stimme, ward vondenen Verkäufern vor der Kirche mit ihrem Geschrey, gleichsamals einer Antiphone, accompagnirt, ich stand zwischen beyden und es nahm sich gut aus. Diese Kirche ist auch von Palladio aufeine alte gepfropft, und die sonderbaren Widersprüche, derenich gestern gedachte, zeigen sich auch hier. Ich bin voll Verlangendas alles in der Folge näher zu studiren.
Heut Abend will ich in das Theater St Chrysostomo wo sie Comödien, aus dem Französchen übersetzt, spielen, ich will auchsehn, was das thut.
p. 520 in einem Zimmer neben der Sala del Consiglio di Dieci welches auch diesem fürchterlichen Tribunal gehört hängt einköstlicher Albrecht Dürer gegen einem Raphael über; als ich den ersten betrachtete, kame aus dem Nebenzimmer einer der Avogadoren heraus, eine ungeheur Figur, in seiner Kleidung wohlanzusehn und meine Begleiter neigten sich fast zur Erden. Er rief jemanden und war sonst ganz leutseelich, ging wie er gekommenwar. Man lies mich auch einen Blick in das Zimmer thun, wo die 3 Staats Inquisitoren zusammen kommen, das ichdoch also auch weis wie es darinn aussieht. Mich freut nur wieman meine Vögel in Ordnung hält,
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