Normalzeugnis Zeugnis
Wieland an Schiller 9. 10. 1791 (Urlichs2 S. 118)
Ich habe, Ihrem Auftrage zu Folge, mit Goethe wegen Aufschub der Vorstellung Ihres Don Carlos gesprochen. So willig er sich, aus Achtung gegen Sie, bezeugte, so verbarg er mir doch nicht, daß er sehr ungern daran gehe. Er war gesonnen gewesen, D. Carlos künftigen Sonnabend zu geben und gegen seine rationes decidendi, die sich ganz auf den Gesichtspunct eines Theater-Directors gründeten, war in dieser Rücksicht nicht viel einzuwenden. Das Interesse der Cassa und der Umstand, daß das Stück den Schauspielern noch frisch im Gedächtniß ist, vereinigten sich, ihn zu determinieren, es um so viel balder zu geben, da die Erwartung des hiesigen Publicums sehr darauf gespannt ist. Hiezu kommt noch, wie er sagt, der Umstand, daß den Schauspielern nichts beschwehrlicher und beynahe unmöglicher ist als ein Stück, das sie einmahl memoriert haben, mit Veränderungen des Textes von neuem einzustudieren. Sie entschließen sich nicht nur sehr ungern dazu, weil diese Operazion für so mechanische Wesen sehr penibel ist, sondern die Erfahrung hat auch von jeher gezeigt, daß sobald sie im wirklichen Spiel begriffen sind, die alte habitude im Moment die Oberhand gewinnt, und die neu memorierte Veränderung ihnen erst auf die Zunge kommt, wenn sie die Stelle so, wie sie solche zum erstenmal einstudiert hatten, hergesagt haben. Dessen allen ungeachtet hat sich G. doch erklärt, daß er aus Deferenz für Ihren Wunsch, den D. Carlos bis in die lezte Woche dieses Monats, allenfalls bis zum letzten Tag desselben zurückbehalten wolle und dies ist Alles, was er glaubt daß ihm billiger Weise zugemuthet werden könne.
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