Normalzeugnis Zeugnis
Falk, Humanität oder Der Fürst und der Dichter. Anekdote (Grotesken, Satyren 1806, S. 173)
Ein noch lebender berühmter, deutscher Dichter, der von jeher mit seinem Fürsten auf einem sehr vertrauten Fuß lebte, befand sich einst mit ihm in einer Gesellschaft. Als er sah, daß das Fenster offen stand, und daß es gewaltig hereinzog: so erhub er sich sogleich von seinem Stuhle, um es wieder zuzumachen. Der Fürst, der sich gerade sehr warm fühlte, öffnete es wieder: der Dichter aber ließ sich keine Mühe verdrüßen, es zum zweyten, ja zum dritten Mal wieder zuzuschließen. Zuletzt verdroß es den Fürsten; er zog ein Paar finstere Falten in seiner Stirn auf, und fragte was das sey, und wer es sich immer herausnehme, das Fenster wieder zuzumachen? In demselben Augen- blick stand der Liebling des Herzogs auf, machte eine höfliche Verbeugung, und sagte: „Ewr. Durchlaucht haben über Dero Unterthanen das Recht über Leben und Tod – aber mit ihrer gütigen Erlaubniß – nach Urthel und Recht!“ Der humane Fürst lachte – und das Fenster durfte zubleiben.
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