Normalzeugnis Zeugnis

Anna Luise Karsch an Gleim 27. 5. 1778 (Pröhle S. 77)

Vor’s erste wolt ich Ihnen gern erzählen daß Göthe hier war, Sie wißen’s aber schon, ich hörtte Sein Hiersein als Er Vierundzwanzig Stunden zu Berlin war, denn der Bruder Vom Fürsten von Deßau wohnt nicht weitt von mir in Einem bekannten hause, ich ging Tages drauff in daß Logis der fremden Prinzen, ich wolte den göth überfallen, Er war ausgegangen, und ich schrieb am andern Morgen wieder meine gewohnheit im halbdrolligen Thon an Ihm, Er kam, laßen Sie sich’s meine Tochter sagen wie Er gekommen ist; uns gefiel er gut; Chodowieky’n auch, aber die andern Herrn sind gar nicht zufrieden mit ihm. Er machte keinem Dichter die Cour, ging nur bey Moses Mendelssohn bei Chodowieky bei Mahler Frisch bey seinen Landsman den Thonkünstler Andrä, und bey mich, hatte Sonntags schon kommen wollen, Andrä aber sagtte daß ich doch nicht zu finden wäre, schon in der Kirche sein möchtte, also blieb’s, Er ist Eines Tages bey Einem Baron auffm Concert gewesen, und da hatt Ihm die ganze Versammlung sehr Stolz gefunden, weill Er nicht bückerling und handkuß Vertheiltte, mann spricht daß Ihm der Kayser baronisiren wird, und daß Er alsdann Eine Gemahlin aus noblen Hause bekomt, ich frug ihn ob Er nicht auch das Vergnügen kosten wollte Vater zu sein; Er schien’s nicht weitt von sich zu werfen, Er ist ein großer Kinderfreund und eben dieser Zug läßt mich hoffen, daß Er auch ein gutter Ehemann werden wird und sicherlich noch Ein rechtt gutter Mensch ders einmahl bereuet was in seinen Werken etwan anstößig gewesen ist, Vielleicht kommt Er bald mitt Seinen Herzog allein auff längere Zeit her, beim abschied lies Er sich so was verlautten ich gab Ihm Ein Paar frische rosen und geschwind hub Er Einen Strohhalm vonn der Erd auf, band damit die rosen Zusammen, und stecktte Sie sich auff den huth, Er liebt die freymüthigen offenherzigen leutte, und mag’s gern haben wenn Er geliebt wird, daß gefällt Ihm beßer als hohes lob wieder Ein merkmahl Eines gutarttigen gemüths, Er scheint übrigens zum Hypochonder gebauet zu sein, ist kein Wunder, daß sind alle gutten Köpfe.

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