Normalzeugnis Zeugnis

F. A. Wolf an Goethe 22. 6. 1795 (Reiter 1, 172)

Es wird mir schwer, den Genuß der vier unbeschreiblich glücklichen Tage, die ich Ihnen neulich zu danken hatte, einen Genuß, der mir immer noch täglich wie neu ist, und Ihr Bild täglich vergegenwärtigt, länger in mir zu verschließen. Was mich oft in eine melancholische Stimmung setzt, der Mangel eines Freundes, mit dem ich Empfindungen wechseln könnte, die doch am Ende das wahre Leben sind, das drückt mich izt vorzüglich. Ich war dem Bücherkerker entlaufen, um mich zu zerstreuen; und statt Zerstreuung gewährte mir die Reise so unendlich viele Freuden höherer Art, daß ich, um den Geschmack an den Büchern wieder zu bekommen, noch ausdrücklich eine Zerstreuungsreise machen muß. Unter jenen Freuden wird mir die, Ew. Hochwohlgebornen persönlich kennen gelernt zu haben, auf immer die unvergeßlichste seyn. Es ist doch durchaus etwas anderes, Schriften, selbst die worin das Herz noch so stark redet, zu bewundern und hochzuschätzen, und den Quell, der sich in unserm Zeitalter kaum genug in Schriften ergießen kann, in seiner eigenthümlichen Fülle und Klarheit zu sehen.

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