Normalzeugnis Zeugnis

Campagne in Frankreich. 10. 10. 1792 (WA I 33, 125)

Ein Knabe der uns in der verwilderten Stadt herumführte, fragte mit Bedeutung: ob wir denn von den unvergleichlichen Verduner Pastetchen noch nicht gekostet hätten? Er führte uns darauf zu dem berühmtesten Meister dieser Art. Wir traten in einen weiten Hausraum, in welchem große und kleine Öfen ringsherum angebracht waren, zugleich auch in der Mitte Tisch und Bänke zum frischen Genuß des augenblicklich Gebacknen. Der Künstler trat vor, sprach aber seine Verzweiflung höchst lebhaft aus, daß es ihm nicht möglich sei uns zu bedienen, da es ganz und gar an Butter fehle. Er zeigte die schönsten Vorräthe des feinsten Weizenmehls; aber wozu nützten ihm diese ohne Milch und Butter! Er rühmte sein Talent, den Beifall der Einwohner, der Durchreisenden, und bejammerte nur, daß er gerade jetzt, wo er sich vor solchen Fremden zu zeigen und seinen Ruf auszubreiten Gelegenheit finde, gerade des Nothwendigsten ermangeln müßte. Er beschwor uns daher Butter herbeizuschaffen, und gab zu verstehen, wenn wir nur ein wenig Ernst zeigen wollten, so sollte sich dergleichen schon irgend wo finden. Doch ließ er sich für den Augenblick zufrieden stellen, als wir versprachen bei längerem Aufenthalt von Jardin Fontaine dergleichen herbeizuholen. Unsern jungen Führer, der uns weiter durch die Stadt begleitete und sich eben sowohl auf hübsche Kinder als auf Pastetchen zu verstehen schien, befragten wir nach einem wunderschönen Frauenzimmer, das sich eben aus dem Fenster eines wohlgebauten Hauses herausbog. Ja, rief er, nachdem er ihren Namen genannt, das hübsche Köpfchen mag sich fest auf den Schultern halten, es ist auch eine von denen, die dem König von Preußen Blumen und Früchte überreicht haben. Ihr Haus und Familie dachten schon, sie wären wieder oben drauf, das Blatt aber hat sich gewendet, jetzt tausch’ ich nicht mit ihr. Er sprach hierüber mit besonderer Gelassenheit, als wäre es ganz naturgemäß und könne und werde nicht anders sein. Mein Diener war von Jardin Fontaine zurückgekommen, wohin er, unsern alten Wirth zu begrüßen und den Brief an die Schwester zu Paris wiederzubringen, gegangen war. Der neckische Mann empfing ihn gutmüthig genug, bewirthete ihn auf’s beste und lud die Herrschaft ein, die er gleichfalls zu tractiren versprach. So wohl sollt’ es uns aber nicht werden; denn kaum hatten wir den Kessel über’s Feuer gehängt, mit herkömmlichen Ingredienzien und Ceremonien, als eine Ordonnanz hereintrat und im Namen des Commandanten Herrn von Courbière freundlich andeutete, wir möchten uns einrichten morgen früh um acht Uhr aus Verdun zu fahren. Höchst betroffen daß wir Dach, Fach und Herd, ohne uns nur einigermaßen herstellen zu können, eiligst verlassen und uns wieder in die wüste schmutzige Welt hinausgestoßen sehen sollten, beriefen wir uns auf die Krankheit des Junkers und Kammerdieners, worauf er denn meinte, wir sollten diese baldmöglichst fortzubringen suchen, weil in der Nacht die Lazarethe geleert und nur die völlig intransportablen Kranken zurückgelassen würden. Uns überfiel Schrecken und Entsetzen, denn bisher zweifelte niemand, daß von Seiten der Alliirten man Verdun und Longwy erhalten, wo nicht gar noch einige Festungen erobern und sichere Winterquartiere bereiten müsse. Von diesen Hoffnungen konnten wir nicht auf einmal Abschied nehmen; daher schien es uns, man wolle nur die Festung von den unzähligen Kranken und dem unglaublichen Troß befreien, um sie alsdann mit der nothwendigen Garnison besetzen zu können. Kämmerier Wagner jedoch, der das Schreiben des Herzogs dem Commandanten überbracht hatte, glaubte das Allerbedenklichste in diesen Maßregeln zu sehen. Was es aber auch im Ganzen für einen Ausgang nähme, mußten wir uns dießmal in unser Schicksal ergeben und speis’ten geruhig den einfachen Topf in verschiedenen Absätzen und Trachten, als eine andere Ordonnanz abermals hereintrat und uns beschied, wir möchten ja ohne Zaudern und Aufenthalt morgen früh um drei Uhr aus Verdun zu kommen suchen. Kämmerier Wagner, der den Inhalt jenes Briefs an den Commandanten zu wissen glaubte, sah hierin ein entschiedenes Bekenntniß, daß die Festung den Franzosen sogleich wieder würde übergeben werden. Dabei gedachten wir der Drohung des Knaben, gedachten der schönen geputzten Frauenzimmer, der Früchte und Blumen, und betrübten uns zum erstenmal recht herzlich und gründlich über eine so entschieden mißlungene große Unternehmung.

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