Brief

Von Wilhelm von Humboldt (10. Oktober 1800)

Dank für G.s Brief vom 16. praeteriti. Bitte um Nachricht von G.s und Schillers Arbeiten. G.s Urteil über A. L. G. de Staël-Holsteins Buch ("De la littérature considérée dans ses rapports avec les institutions sociales", Paris 1800) habe H. sehr gefreut. Über Staël-Holsteins Stellung in der französischen Literatur; ob hier nicht ein Streit zwischen den angeerbten, bei der Staël also Deutschen Eigenthümlichkeit, u. der durch Bildung erworbenen sey. Vergleich mit Rousseau. Dadurch unterscheide sie sich z. B. von Diderot, Mirabeau, L. S. Mercier und Rétif, bei denen nur Streit des natürlichen mit dem conventionellen Character stattfinde. - G.s Lob über den Aufsatz "Der Montserrat bei Barcelona" (vgl. "Allgemeine geographische Ephemeriden", 1803) habe H. in der Absicht bestärkt, seine Reiseeindrücke so festzuhalten, daß der Leser ein fortschreitendes Bild von dem Lande bekommt. H. freue sich, daß G. dem Montserrat eine Stelle in den Propyläen vergönnen wolle. Bitte, eventuelle Ergänzungen und Korrekturen aus K. C. Schramms Brückenwerk ("[...] die merkwürdigsten Brücken aus allen vier Teilen der Welt [...]", Leipzig 1735) oder P. Thicknesses "Reisen durch Frankreich und einen Teil von Katalonien" (Leipzig 1778) nachzutragen. - C. F. Tieck habe den für Maler, Bildhauer und Architekten jährlich vom Pariser Nationalinstitut gestifteten Preis erhalten. - Die diesjährige Pariser Kunstausstellung biete eine Musterkarte aller Arten des hiesigen Geschmacks oder besser Ungeschmacks. Ich werde suchen, Ihnen, mit Tiecks Hülfe eine kurze Beschreibung davon für die Propyläen zu schicken. Das "Athenäum" III 1 (vgl. Ruppert 278) mit F. Schlegels "Gespräch über die Poesie" und A. L. Hülsens "Naturbetrachtungen auf einer Reise durch die Schweiz" habe H. mit großem Interesse gelesen. Wenn ihm auch Schlegels mystische Dunkelheit u. eine gewisse Einseitigkeit im Urtheil mißfalle, so leiste die Zeitschrift doch mit ihrem seltnen Gehalt zur Charakterisierung Deutscher Art in diesem Jahrfünft [...] einen wichtigen Beitrag. - Über Schillers "Wallenstein" müsse H. mit G. sprechen, für einen Brief ist es kein Gegenstand. - Von seinem Bedürfnis nach einem baldigen persönlichen Zusammentreffen mit G. und der Ungewißheit seiner Abreise wegen der familiären Verhältnisse. - H. bedauert, daß die "Allgemeine Literaturzeitung" wirklich zu Grabe zu gehen scheint [...]. Warum aber auch Fichte u. die Schlegels ihre Kräfte noch theilen [...]. Lob von Fichtes "Grundlage des Naturrechts" (Ruppert 2752). - Von der Rezeption deutscher Literatur in Frankreich. So habe P. J. Bitaubés Übersetzung von "Hermann und Dorothea" (Ruppert 1844) ein ziemliches Publicum gefunden. In der letzten Sitzung des NationalInstituts wurde öffentlich dieser Uebersetzung u. dabei Ihrer, Schillers, u. Klopstocks erwähnt. - Grüße auch von seiner Frau an J. H. Meyer, Wolzogens und A. A. von Imhoff.

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