Tagebucheintrag
Reisetagebuch Italien 1786, 11. Oktober 1786
d. 11. Abends.
Ich war wieder in der Carita |: siehe p. 13b dieses Stücks :| zu dengroßen Gedancken des Palladio wallfahrtend. Jahre könnte man in der Betrachtung so eines Wercks zubringen. Morgen früh willich wieder hin. Denn mich dünckt ich habe nichts höhers gesehn.Und ich glaube daß ich mich nicht irre. Dencke aber auch,der treffliche Künstler mit dem innerlichen Sinn fürs Großegebohren, den er mit dem größten Fleiß ausgebildet hatte |: denn von seiner Mühe die er sich um die Werke der Alten gegeben hat man gar keinen Begriff :| findet Gelegenheit einenLieblings gedanken auszuführen, eine Wohnung der Alten nachzubilden,Gelegenheit da wo der Gedancke ganz paßt. Er ist innichts genirt und läßt sich von nichts geniren. Von der Erfindungund Zeichnung sag ich nichts; nur ein Wort von der Ausführung. Nur die Häupter und Füße der Säulen und einige anderTheile pp die ich wohl gemerckt habe sind von gehaunenSteinen. Das übrige alles |: ich darf nicht sagen von Backsteinen:| von gebranntem Thon, denn solche Ziegeln kenn ich garnicht du kannst dir die Schärfe dencken da die Frise mit ihren Zierrathen auch daraus gebrannt ist und die verschiedne theile des Karnieses auch. Er hat also voraus zu allem Formen machenlaßen, die soviel gröser müßen gewesen seyn als der Thon schwindet, die Theile sind alle gebrannt fertig gewesen und manhat das Gebäude nur so mit wenigem Kalck zusammengesezt. Die Zierrathen der Bogen, alles ist so gebrannt. Diese Art warmir nicht ganz neu, aber wie es hier ausgeführt ist, geht übermeine Gedanken. In Dessau haben sie auch diesen Weg eingeschlagen,und vermuthlich hat ihn Palladio von den Alten. Aberebendeßwegen ist das Ganze wie Ein Guß, wenn es nun abgetüncht wäre daß alles eine Farbe hätte, es müßte bezauberndseyn. Du liebes Schicksal das du so manche Dummheit begünstigtund verewigt hast, warum liesest du das Werck nicht fertigwerden. Von einer Treppe |: einer Wendeltreppe ohne Säule inder Mitte :| die er selbst in seinen Wercken lobt – la quale riesce mirabilmente – hab ich glaub ich noch nichts gesagt. Du kannstdencken, wenn Palladio sagt che riesce mirabilmente, daß esetwas seyn muß. Ja es ist nichts als eine Wendeltreppe die manaber nicht müd wird auf und abzusteigen. Auch hab ich heutedie Sakristey gesehn, die gleich an der Treppe liegt und nach seinem Riße ausgeführt ist, morgen kehr ich noch einmal hin.Wenn ich mirs nur recht in Sinn und Gemüth eindrücken könnte.
Das lustigste ist wie ich meinem Alten Lohnbedienten das allesdemonstrire, weil das Herz voll ist geht der Mund über, und er das wunderbare immer auf einer andern Seite sucht.
Leb wohl. Mein Alter Franzoße der nun 8 Tage hier ist gehtmorgen fort, es war mir köstlich einen recht eingefleischten Versailler in der Fremde zu sehn. Er reißt auch, an dem hab ich mitErstaunen gesehen wie man reisen kann, und es ist auf seinem Flecke ein recht ordentlicher Mann. Lebe wohl beste.
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