Normalzeugnis Zeugnis
A. Herzen, Die Memoiren eines jungen Menschen (GJb 33, 160)
Ich stand lange vor dem Bilde des Dichters und fragte Trensinski, ob er Goethe gesehen und ob die Büste ähnlich sei. – Zweimal, antwortete er. Ja, er war manchen Augenblick seiner Büste ähnlich. Rauch hat es in genialer Weise verstanden, den Augenblick des höchsten Ausdrucks zu erfassen. – Erzählen Sie mir, bitte, wo und wie Sie ihn gesehen haben ... Ich war ein sechzehnjähriger Knabe, als ich ihn das erste mal sah. Im Anfang der Revolution war mein Vater in Paris und ich mit ihm. Das Schreckensregiment blickte schon deutlich durch die süßsprechende Gironde hindurch. Ganz unsinnige Leute mit zerzausten Haaren und in schmierigen Anzügen ließen sich in den Pariser Salons sehen und verkündeten laut die Vernichtung aller bisherigen gesellschaftlichen Bande. Für Ausländer war das Abreisen gefährlich und das Bleiben noch gefährlicher. Mein Vater entschied sich für das erstere, und wir machten uns heimlich aus Paris davon. Es gab allerlei Schwierigkeiten, ehe wir ans Elsaß gelangten. Wenn ich ein echter Preuße wäre, dann würde ich unbedingt ein dickes Buch unter dem Titel „Außerordentliche Reise-Abenteuer eines Flüchtlings aus der Hauptstadt der Franzosen zur Zeit der großen Umwälzung – anno 1792 nach der Erlösung etc.“ herausgeben. In der Tat gerieten wir einige male in Gefahr für Ueberläufer gehalten zu werden. Endlich wies uns ein schiefgewachsener Junge, der uns durch einen Wald geführt hatte, in der Ferne Feuer und sagte: V’là vos chiens de Brunswick! nahm den versprochenen Dukaten in Empfang und schrie aus voller Kehle «ça ira!». Man hielt uns an der Postenkette an, und während der Feldwebel mit dem Paß, ich weiß nicht wohin, ging, blickte ich mit Verwunderung die Soldaten an. Die Wache war durch Oesterreicher besetzt; ich hatte mich so an die lebhaften, ausdrucksvollen Physiognomien der Franzosen gewöhnt, daß mich die kühle Stummheit dieser Gesichter mit den hellen Bärten und in den weißen Uniformen überraschte. Unbeweglich und griesgrämlich standen sie da, wie schmutzig gewordene Bildsäulen des Comtur aus „Don Juan“. Man führte uns zum General und nach allerhand Verhören und Ausfragen erlaubte man uns weiter zu reisen; aber es war unmöglich Pferde zu bekommen, alle waren zur Armee genommen, für die damals die kritischeste Zeit gekommen war. Die Armee kam um vor Hunger und Schmutz. Am nächsten Tage lud uns ein regierender Fürst zum Abend zu sich. In dem kleinen Salon, der dem Geistlichen des Ortes gehörte, trafen wir einige Obristen, wie alle deutschen Obristen mit grauen Haaren und mit dem Ausdruck von Ehrenhaftigkeit und nicht allzu großem Scharfsinn. Sie rauchten trübsinnig ihre Zigarren. Zwei, drei Adjutanten radebrechten ganz vergnügt auf Französisch; es schien, als hätten sie nicht den mindesten Zweifel, daß sie ihre frischfarbigen Gesichter, die geheiligte Locke, die ihnen beim Abschied gegeben worden war, und ihre deutsche Eigenschaft, bei jedem zweideutigen Worte zu erröten, bis ins Palais Royal bringen und dort ein Gelage abhalten würden. Es war langweilig im allgemeinen. Ziemlich spät erschien noch ein Gast, im Frack, ein Mann von schönem Wuchs, ziemlich stark und von stolzem, gewichtigem Aussehen. Alle begrüßten ihn mit der größten Ehrfurcht, aber sein Blick war nicht entgegenkommend, erweckte keine Freundschaft, sondern nahm gnädig den gewohnten Vasallentribut entgegen. Ein jeder konnte fühlen, daß er ihm nicht gleichgestellt war. Der Fürst bot einen Sessel neben sich an; er setzte sich, jene besondere „Steifheit“ wahrend, die deutschen Aristokraten im Blute liegt. „Heut morgen“, sagte er nach den üblichen Begrüßungen, „hatte ich eine ungewöhnliche Begegnung. Ich fuhr im Wagen des Herzogs wie immer; plötzlich reitet ein Krieger heran, des Regens wegen ganz in seinen Mantel gehüllt. Als er das Weimarer Wappen und die herzogliche Livree sah, ritt er dicht an den Wagen, und – stellen Sie sich die beiderseitige Ueberraschung vor, als ich in dem Krieger seine königliche Majestät erkannte, und seine Majestät anstatt des Herzogs – mich fand. Dieser Zufall wird mir lange im Gedächtnis bleiben.“
Das Gespräch ging von der Erzählung dieser außergewöhnlichen Begegnung zu dem König über, und dann kam man ganz natürlich auf die Fragen, die damals alle Anwesenden beschäftigten, d. h. zu Krieg und Politik. Der Fürst führte meinen Vater an den Diplomaten heran und sagte ihm, daß er von meinem Vater die neuesten Nachrichten hören könnte. „Was macht General Lafayette und all diese Anthropophagen?“ fragte der Diplomat. – „Lafayette“, gab mein Vater zur Antwort, „beschützt den König unerschrocken und im offenen Kampf mit den Jakobinern.“ Der Diplomat schüttelte mit dem Kopfe und bemerkte nachdrücklich: „Das ist alles bloß Maske; Lafayette, bin ich fest überzeugt, ist eins mit den Jakobinern.“ – „Aber ich bitte Sie!“ entgegnete mein Vater, „es ist ja von Anfang an eine unversöhnliche Feindseligkeit zwischen ihnen gewesen.“ Der Diplomat lächelte ironisch und sagte nach kurzem Schweigen: „Ich hatte mich vor zwei Jahren angeschickt nach Paris zu reisen, aber ich wollte das Paris Ludwigs des Großen sehen und des großen Arouet, aber nicht eine auf den Trümmern seines Ruhmes rasende Hunnenhorde. Hätte man erwarten können, daß die gewalttätige Demagogenbande einen solchen Erfolg haben würde? O, wenn Necker seinerzeit andere Maßnahmen getroffen hätte, wenn Ludwig XVI. nicht seinem Engelsherzen, sondern ihm ergebenen Leuten gehorcht hätte, deren Ahnen unter den Lilien glorreich geblüht, dann brauchten wir uns nicht jetzt zu diesem Kreuzzug aufzumachen! Aber unser Gottfried wird sie bald zur Vernunft bringen, daran zweifle ich nicht, und die Franzosen werden ihm selbst helfen; Frankreich besteht nicht allein aus Paris.“
Der Fürst war mit diesen Worten ungemein zufrieden.
Aber wer kennt nicht die Aufrichtigkeit deutscher Krieger und der Krieger überhaupt? Ihre zerhackten Gesichter, ihre durchschossenen Leiber geben ihnen das Recht da zu sprechen, wo wir das Recht haben zu schweigen. Unglücklicherweise stand hinter dem Fürsten, auf den Säbel gestützt, einer der ergrauten Obristen. Sein Aeußeres verriet, daß er sein Leben seit zehn Jahren wohl im Biwack und Lager zugebracht haben, daß er sich noch gut auf den alten Fritz besinnen mochte; seine Züge drückten stolze Mannbarkeit und unbedingte Ehrenhaftigkeit aus. Er horchte aufmerksam auf die Worte des Diplomaten und sagte schließlich: „Aber Sie können doch nicht jetzt noch im Ernst glauben, daß die Franzosen uns mit offenen Armen aufnehmen wollen, wo jeder Tag zeigt, was für einen verzweifelt nationalen Charakter dieser Krieg annimmt, wo das Landvolk sein Getreide verbrennt und seine Häuser, bloß um es uns schwer zu machen? Ich gestehe, ich glaube nicht, daß es uns bald gelingen sollte, Paris auf den rechten Weg zu bringen, besonders wenn wir auf einem Fleck stehen bleiben.“ – „Der Obrist ist schlechter Laune“, entgegnete der Diplomat und sah nach ihm hin mit einem Ausdruck, als wollte er ihn mit dem Fuß niedertreten. „Aber ich vermute, Sie wissen besser als ich, daß im Herbst, im tiefen Schmutz, kein Vorwärtskommen möglich ist. Bei einem Feldherrn ist nicht edles Aufbrausen, sondern Einsicht zu schätzen; denken Sie an Fabius Cunctator.“ Der Obrist ließ sich nicht einschüchtern, weder durch den Blick noch durch die Worte des Diplomaten. „Es versteht sich, jetzt ist es unmöglich vorzurücken, aber auch zurückzugehen ist schwer. Uebrigens ist es ja dies Jahr nicht zum ersten mal in Frankreich Herbst, den Schmutz hätte man voraussehen können. Ich flehe zu Gott, es käme zu einer allgemeinen Schlacht; besser vor seinem Heer mit der Waffe in der Hand von einer Kugel zu sterben, als in diesem Schmutze festzusitzen. ....“ Und seine Hand preßte sich um das Gefäß seines Säbels. Da erhob sich ein Flüstern, und in einiger Entfernung wurde ein ... „Ja, ja, der Obrist hat recht, .... wäre der große Fritz – oh! der große Fritz!“ hörbar. Der Diplomat wandte sich, lächelnd, zum Fürsten und sagte: „In welcher Form auch immer sich dieser Siegesdurst der teutonischen Krieger äußern mag, es ist unmöglich ihn ohne Rührung zu betrachten. Freilich, unsere augenblickliche Lage ist nicht grade die glänzendste, aber denken wir daran, womit sich Joinville tröstete, als er mit dem heiligen Ludwig in Gefangenschaft war: Nous en parlerons devant les dames.“ „Ergebensten Dank für den Rat!“ entgegnete der unerbittliche Obrist, „ich würde meiner Frau, Mutter oder Schwester, wenn ich sie hätte, nicht ein Wort von dieser Campagne sagen, aus der wir den Schmutz an den Stiefeln und Wunden auf dem Rücken davontragen werden. Ja, davon werden unseren Damen am Ende noch eher diese tintigen Jakobiner erzählen, von denen man uns versichert hat, daß sie wie Rauch vor unserem ersten Schuß verschwinden würden.“
Der Diplomat merkte, daß er mit diesem Gegner nicht fertig werden würde und zog sich, wie Xenophon, mit den folgenden zehntausend Worten ehrenvoll zurück: „Die Welt der Politik ist mir vollständig fremd; es langweilt mich, wenn ich von Märschen und Evolutionen, von Debatten und staatlichen Maßnahmen höre. Ich habe niemals ohne Langeweile die Zeitungen gelesen; alles das ist etwas so Vorübergehendes, Zeitweiliges, ja und seinem ganzen Wesen nach uns Fremdes. Es gibt andere Gebiete, in denen ich mich als Herrscher fühle; weshalb soll ich, ohne dazu berufen zu sein, als ein dutzentmäßiger raisonneur mich in Dinge mischen, welche die Vorsehung denen auferlegt hat, die sie auserwählt, die schwere Last der Regierung zu tragen? Und was geht es mich an, was in dieser Sphäre geschieht?“ Das Wort „dutzentmäßiger raisonneur“ hatte ins Ziel getroffen. Der Obrist preßte seine Cigarre so zwischen den Fingern, daß der Rauch aus zwanzig Stellen herausquoll, und sagte: „Nun, ich als einfacher Mensch fühle mich nirgends weder als Herrscher noch Genie, aber überall bleibe ich Mensch, und ich erinnere mich, daß ich als Schulknabe auswendig gelernt habe: Homo sum et nihil a me alienum puto. Zwei Kugeln, die mir durch den Leib gedrungen sind, haben mir das Recht gegeben, mich in die Angelegenheiten zu mischen, für die ich mit meinem Blute zahlen muß“. – Der Diplomat tat, als hätte er die Worte des Obristen nicht gehört, dieser hatte sie auch, zu seinem Nachbar gewendet, gesprochen. – „Und hier“, fuhr der Diplomat fort, „mitten im Lager, fühle ich mich ebenso weit von aller Politik entfernt, wie im Weimarer Kabinet.“
„Und womit beschäftigen Sie sich denn jetzt?“ fragte der Fürst, seine Freude kaum darüber verbergend, daß das Gespräch eine andere Wendung genommen. – „Mit der Theorie der Farben; ich hatte das Glück, vorgestern Ihrem durchlauchtigen Oheim daraus Bruchstücke vorzulesen.“
Das konnte kein Diplomat sein. „Wer ist das?“ fragte ich einen Emigranten, welcher neben mir saß, und, ungeachtet des Biwaklebens es möglich gemacht hatte, auf’s sorgfältigste Toilette zu machen, obgleich er nur einen kurzen Rock trug. „Ah, bah! C’est un célèbre poète allemand, M..r Koethe, qui a écrit, qui a écrit ... ah bah! .. la Messiade!“ – Das also ist der Autor von Werthers Leiden, das mich beinah um den Verstand gebracht hat, dachte ich bei mir, über die philologischen Kenntnisse des Emigranten lächelnd. – Hier haben Sie meine erste Begegnung.
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