Normalzeugnis Zeugnis
Caroline v. Herder, Erinnerungen: Herders Vocation nach Göttingen und Bleiben (SB Berlin, PrK, Herder XXXVII 10)
Da mich Heyne von dieser Vocation Herders nach Göttingen, Mai 1789 unterrichtet hatte, u. das Gerücht davon auch in Weimar sich schon ausbreitete, so hielt ichs für Pflicht es der regierenden Herzogin zu vertrauen ... Auch an Goethe sagte ichs, mit dem wir damals in enger treuer Freundschaft waren ...
Goethe zeigte sich jetzt als ein treuer Freund, wie jenes Wort sagt: im Ungewißen erkennt man den gewißen Freund. Er wollte nicht drein reden, wollte Herders Schicksal nicht irre leiten, er bat nur daß wir in unsrer Agitation ruhig beide Lagen überlegen mögen, so daß wenigstens von der öconomischen Seite Göttingen uns eine Sorgenfreie, heitre Lage u. Wohlhabenheit gewähre. Ueber die Lage zu Weimar sagte er zum Vater: „Jetzt bis Du hier der Erste in Deinem Collegium, (der kranke Präsident v. Lynkker wird bald sterben) Hier kannst Du arbeiten was Du willst. In Göttingen bist Du unter die andern Professoren verrechent, u. in einem Academischen Senat giebts die dummsten, ärgerlichsten Auftritte u. Beschlüße. – Auch gilt auf der Academie am meisten der Charletan von Professor. Alle Professoren werden gegen Dich seyn, da Du ihnen superior bist. Du wirst als Mensch u. Professor ein viel unzufriedeners Leben führen als in Weimar, wo Du in der Gesellschaft gebildeter u. guter Seelen die Dir wohlwollen, Dich erheitern kannst so oft Du willst. Dieser Genuß geht Dir in Göttingen ab. Auch Deine Frau wird sich unter die Professors Weiber u. dem eingeführten Gastmalgeben wo man mit Silber u. äußerlicher Wohlhabenheit prunken muß, nicht gut schicken. Ihr seid beide ein stilles häußliches Glück gewohnt, das wird dort sehr gestört werden. Der regier. Herzogin zu Liebe solltest Du fast allein hier bleiben.“ So sprach Goethe; so sprachen die vertrauten Freunde.
... Und so nahm der Vater in dieser peinlichen, zerrißenen Gemüthsstimmung, den Antrag des Herzogs, leider, ganz gegen sein Gefühl an. Die Bedingungen waren folgende:
1. Die jährliche Besoldung sollte mit allen Naturalien u. Accidentien zwischen 1800–2000 Thlr. festgesetzt seyn ...
2. Der Herzog wolle die Söhne studieren lassen u. versorgen.
3. Der Wittwe eine Pension von 300 Thl.
4. Als VicePräsident solle er von allen kleinlich beschwerlichen Kirchlichen Geschäften befreit seyn ...
Ueber dem solle er Canzler der Universität Jena seyn u. diese Geschäfte von Weimar aus besorgen. Goethe misfiel dieser Antrag. Herder nahm ihn nicht an.
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