Normalzeugnis Zeugnis
J. H. Jung-Stilling, Lebensgeschichte (Grollmann S. 272)
Herr Troost war nett und nach der Mode gekleidet; Stilling auch so ziemlich. Er hatte einen schwarzbraunen Rock mit manchesternen Unterkleidern, nur war ihm noch eine runde Perücke übrig, die er zwischen seinen Beutel-Perücken doch auch gern verbrauchen wollte. Diese hatte er einsmals aufgesetzt, und kam damit an den Tisch. Niemand störte sich daran, als nur Herr Waldberg von Wien. Dieser sah ihn an, und da er schon vernommen hatte, daß Stilling sehr für die Religion eingenommen war, so fing er an und fragte ihn: Ob wohl Adam im Paradies eine runde Perücke möchte getragen haben? Alle lachten herzlich bis auf Salzmann, Göthe und Troost; diese lachten nicht. Stilling fuhr der Zorn durch alle Glieder, und antwortete darauf: Schämen Sie sich dieses Spotts. Ein solcher alltäglicher Einfall ist nicht werth, daß er belacht werde! – Göthe aber fiel ein, und versetzte: Probiere erst einen Menschen, ob er des Spotts werth sey? Es ist teufelmäßig, einen rechtschaffenen Mann, der keinen beleidigt hat, zum Besten zu haben! Von dieser Zeit an nahm sich Herr Göthe Stillings an, besuchte ihn, gewann ihn lieb, machte Brüderschaft und Freundschaft mit ihm, und bemüthe sich bei allen Gelegenheiten, Stillingen Liebe zu erzeigen. Schade, daß so Wenige diesen vortrefflichen Menschen seinem Herzen nach kennen!
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