Normalzeugnis Zeugnis

Böttiger, Lit. Zustände 1, 84

Den 14. November. Dritter Gesang. Bei dem Schreien der Trojaner und dem stillen Anrücken der Griechen, welches schon die Alten als einen charakteristischen Zug der wahren Tapferkeit bemerkt haben, erinnerte Goethe noch sehr fein, daß dieser Contrast durch den im zweiten Buch vorhergehenden Catalogus noch auffallender werde, wo die Schiffs- und Heerliste der Griechen so viel mehr Platz einnehme und Nachdruck zeige, als das enge Verzeichniß der Troer und ihrer Genossen, die doch nun grade, nach Art aller Poltrons, den größten Lärm machten. V. 33. übersetzt Voß δράκοντα, Natter. Dachte dies wol Homer dabei? V. 39. hat Voß für das schleppende: unglückseliger Pariswie Stolberg das δύσπαρι übersetzt hat, gradezu nur einen andern Begriff gesetzt: Weichling! Δύσπαρις war unübersetzbar. Aber Weichling drückt doch auch gar nichts von dem aus, was in Δύσπαρι liegt. Es ist: verhaßter, verderblicher Paris! V. 54. werden δῶρ' Ἀφροδίτης durch Huld Aphroditens übersetzt, und weiter unten V. 64. wörtlicher: Gaben der goldenen Aphrodite. Diese Ungleichheit ist nicht im Homer. V. 75. Jene entschiffen zu Achajas rosigen Jungfraun. Ist ganz etwas anders, als das Homerische Ἀχαΐδα καλλιγύναικα. Nach Vossens Übersetzung wären die Zurückschiffenden nicht viel weniger als παρθενοπίπαι gewesen. V. 130. νύμφα φίλη Voß: du trautes Kind! Es ist die Schwägerin Laodice, nicht Priamos, der spricht (wie unten V. 162. du trautes Töchterchen, φίλον τέκος). Ich ziehe daher Stolberg’s Geliebtevor, obgleich auch dies das νύμφα φίλη, liebes Weibchennicht ganz ausdrückt. V. 152. ὄπα λειριόεσσαν, hellschwirrende? Stolberg noch schlechter: schwacher Gesang. V. 166 ff. „Nur den einzigen Agamemnon nennt uns Homer nicht im voraus und hebt ihn durch die so gespannte Erwartung vor den Übrigen heraus.“ Goethe. V. 176. τέτηκα, in Thränen verschwind ich. Zerschmelz ich, wie es Stolberg hat, wäre weit besser. Allein Voß verwarf es nur darum, weil es Stolberg schon vor ihm gebraucht hatte. V. 180. Δαὴρ αὖτ' ἐμὸς ἔσκε κυνώπιδος, εἴποτ' ἔην γε. Voß: Schwager mir war er vordem, der schändlichen (?) ach er war es. Κυνῶπις ist auch hier, wie oben I, 159. βοῶπις verwässert. Das εἴποτ' ἔην γε drückt etwas ganz Anderes aus, als Voß übersetzt hat. Es soll heißen: wenn er überhaupt je mein Schwager war, wenn ich’s überhaupt verdiente, je seine Schwägerin zu heißen. Stolberg hat es lieber ganz weggelassen. V. 224. „Sinn: Nun wunderten wir uns nicht mehr so sehr darüber, daß Odysseus ein so dummes Ansehn gehabt habe.“ Wieland. Ζάκοτος im 220sten V. ist unvergleichlich durch tückisch übersetzt. Man könnte hierbei fragen: Hat bios Homer’s Phantasie diese Körperformen geschaffen, oder hatte er sie durch Bild und Überlieferung? V. 286.87. Die τιμή, die hinfort auch daure bei kommenden Menschengeschlechtern, veranlaßt in der Übersetzung leicht den Begriff eines fortdauernden Tributs. Homer will aber nur eine Buße andeuten, die auch den Nachkommen unvergeßlich bleibe. V. 362. φάλος kann nicht durch gekegelten Helm gegeben werden. Es waren die φάλοι kleine polirte Metallplatten, womit der Helm ausgeschmückt war. Dies lehrt schon das abgeleitete Wort τρυφάλεια. Das Misverständniß ist aus der gewöhnlichen lateinischen Übersetzung conus entstanden. S. Ernesti in Clav. Cic. s. v. phalerae. V. 399ff. „Helena behandelt hier die Venus wie eine Kupplerin.“ Goethe. V. 419. κατασχομένη, gesenkt. V. 449ff. Goethe fand den Contrast zwischen der Gardinenscene und dem auf dem Schlachtfelde wüthenden Menelaus um so lächerlicher, weil hier der wüthige Menelaus mit seinem Aktäonischen Schmuck, als cocu, herumlaufe. Wieland macht einige Gegenbemerkungen, aus dem frühen Zeitalter hergenommen.

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