Brief

Von Johann Sulpiz Melchior Dominikus Boisserée (7. November 1816)

Mit den Berliner Quängeleyen habe es nichts auf sich; über den Ankauf der Gemäldesammlung sei zwar noch keine Entscheidung getroffen, aber die eingehenden Nachrichten bestätigten, daß die Sache von den damit beauftragten Personen als ausgemacht gesehen werde, da selbst der preußische König viel Interesse daran zeige; erwähnt: F. Wilken. - J. Görres habe mit Frau und Kind (Guido, Marie oder Sophie) die Gemäldesammlung besucht. Dieser sammle seit einem Jahr altdeutsche Kunst mit solchem Eifer, daß er sogar restauriere. Ohne Kenntnis der Sammlung sei Görres gegen B.s Ansicht der Kunstgeschichte und G.s "Über Kunst und Altertum" (I 1) zu Felde gezogen, sei nun aber, nachdem er einige der bedeutendsten Kunstwerke gesehen habe, einigermaßen still. Görres' Klagen zeigten, was G. mit seiner Schrift den Widerbellern angethan habe. Nun wolle Görres noch einen Monat bleiben und die altdeutschen Handschriften benutzen: Wäre bey dem reichen aber wilden Geist dieses auch sonst mit vielen Eigenschaften begabten Mannes nur irgend etwas geregeltes und geordnetes möglich. - Die altdeutsche Literatur könne nur ein klassisch gebildeter Mann erforschen, der auch mit der neueren Literatur bekannt sei. Sonst kommen wir nicht aus der Verwirrung. A. W. von Schlegel, der an einer Ausgabe des "Nibelungenlieds" arbeite (vgl. die Vorarbeit "Aus einer noch ungedruckten historischen Untersuchung über das Lied der Nibelungen"), sei hierfür geeignet, aber die alte Circe (G. de Staël) und der Glanz der Welt hielten ihn zu sehr gefesselt. Die Vorlesungen von A. Zeune in Heidelberg und Frankfurt, der das "Nibelungenlied" allerdings auf die geistloseste und ungewaschenste Weise vorgetragen habe, zeigten die Empfänglichkeit des Publikums hierfür. G. möge im 2. Heft von "Über Kunst und Altertum" sagen, was eigentlich für die altdeutsche Literatur noth thut. Bei dieser Gelegenheit könne er auch Schlegel auffordern, aktiv zu werden. Bei den Jüngeren zeichneten sich die Brüder Grimm besonders aus. - Von den Bemühungen um die deutsche Geschichte merke B. nicht viel. (A. oder C. von) Aretin habe in Bayern von oben herab allen Behörden und Beamten ein Journal mit dem Namen Historisches Archiv aufgedrängt. In Berlin hege man Projekte zu einer historischen Gesellschaft für die Benützung der Archive in ganz Deutschland (vgl. RA 7, Nr. 484). Der Weg sei richtig, aber man müsse zunächst an eine Ordnung, Sonderung und Nutzbarmachung denken. Über den guten Zustand der Archive in Köln, wo die städtische Sammlung und ein hanseatisches Archiv komplett gerettet werden konnten; erwähnt: die numismatische Sammlung der Familie K. A. M. von Merles. - Neue Entscheidungen über Kunst- und wissenschaftliche Einrichtungen am Niederrhein seien wegen der verschobenen Reise des Staatskanzlers (Fürst K. A. Hardenberg) gegenwärtig nicht zu erwarten. - B. habe in einem Brief an K. F. Schinkel angeregt, daß die Reparaturarbeiten am Kölner Dom nach dem Vorbild des Straßburger Münsters organisiert werden. G. möge im 2. Heft von "Über Kunst und Altertum" darauf hinweisen, gewissermaßen als Gegenstück zu dem SteinmetzenArtikel. B. könne bei Bedarf Zuarbeiten liefern. - Wenn G. bei der weiteren Besprechung der Gemäldesammlung von J. van Scorel und seinem Schüler M. van Heemskerck spreche, möge er einen Bartholomäus Groen von Köln (vgl. auch B. Bruyn) erwähnen. Charakterisierung der Technik Heemskerks. Ferner erwähnt: die (von Graf Lothar Franz begründete) Schönbornsche Gemäldegalerie.

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