Tagebucheintrag
Reisetagebuch Italien 1786, 3. September 1786
Note a.
Gedancken über die Witterung.
Sobald ich die Schäfgen der Obren Lufft sah schon im Carlsbadd. 2. Sept. hatte ich gute Hoffnung, ich schloß daraus: daß die Athmosphäre ihre Elasticität wieder gewinne und im Begriff seydas schöne Wetter wieder herzustellen. Allein ich dachte nichtan das was ich nachher bemerckt zu haben glaube. Nämlich: Daß eine Elastischere Athmosphäre die Wolcken aufzehrt, ihnen den Zusammenhang unter sich benimmt, so daß also die Dünste die vorher Massen weis zusammengedrängt waren, als Wolcken umherzogen, nur in einergewissen Höhe über der Erde schwebten, als Regen herab fielen,als Nebel wieder aufstiegen, nunmehr in den ganzen Raumgleichförmig ausgetheilt sind. Da ieder Dunst und Wassertropfen durch Mittheilung der Athmosphärischen Elasticität unendlichelastisch werden, ia ins unendlich kleine getheilt werdenkann; so kann auch die Wasser Masse sich in eine weit grösereHöhe austheilen und vor unsern Augen so verschwinden daß siezuletzt auch nicht den geringsten Dunst bemerckbar laßt. Vielleicht ist das was ich sage was bekanntes, ich setze nur meineBemerckungen hin, und folgere aus meiner Hypothese.
Wenn eine ungeheure Menge condensirte Dünste aufzulösensind, wie es diesmal war; so geht es langsam zu, und die obereLufft, da sie zuerst ihre Elasticität wieder erlangt, fängt zu erst an Schäfgen |: leicht wie gekammte Wolle aneinander gereihteWölckgen :| zu bilden. An den hohen Gebürgen, die durch dieAnziehung die Wolcken halten, fangen diese an, in Grosen, Bergähnlichen über einander gethürmten weißen Massen, festzustehn,indess die Wolcken der untern Athmosphäre als graueStreifen, und in langgedehnten schweeren Formen unter ihnenhinziehen. Vermehrt sich nun immer die Elasticität der Luft so zehrt sie von oben herein die um die Berge feststehendeWolcken auf und der Wind der vom Berge kommt der vor wenigenTagen Regen brachte bringt nun gutes Wetter.
Ich sah das Aufzehren einer solchen Wolcke ganz deutlich siehing am Berge fest, löste sich mit der grösten Langsamkeit auf, kaum daß einige Flocken sichtbar sich ablösten und in die Höhestiegen die aber auch gleich verschwanden. Und so verschwandsie nach und nach und hinter dem Berge bemerckt ich in derLufft ganz leichte weisse Streiffgen, die mir zulezt auch aus demGesicht kamen.
Ist nun das Wasser so in der ganzen Athmosphäre vertheilt, undnoch einigermassen nah an einander so sieht mans an der Luft-Perspecktiv und am Auseinandergehn der Landschafftsgründeganz deutlich. Das muß nun als Thau, oder Reif herunter, odermuß sich weiter ausdehnen und verbreiten. Diesmal machte das Wetter um die Tyroler Berge ein gewaltsames Ende mit Donnern, Blitzen und Schneyen; dann hellte sichs aus.
Eben so sah ich den 9ten als die Sonne den Schnee auf denGipfeln zu schmelzen anfing leichte Schaumstreifen in die Höhesteigen und sich bey einem kalten Mittag Winde weit über den Himmel gegen Norden verbreiten. So ging es immer fort es zogimmer mehr weißer Duft von Mittag herauf der ganze Himmelward bedeckt, und die Sonne endlich verdunckelt, die Dünsteverwandelten sich in Wolcken die noch in ziemlicher Höheschwebten und die Bewohner jammerten daß schon wieder Regen folge.
Nach meiner Theorie fahre ich fort zu erklären. Die Athmosphärewar nun in dieser Gegend fast mit Dünsten gesättigt, siekonnte sie also nicht mehr rein aufzehren, sie mußte also leidendaß die Dünste wieder ein zusammenhangender Dunst und endlich noch verwandter unter sich und Wolcken wurden. Kann nundiese Nacht durch da die Kühlung die Elasticität des Wassers vermindert und die Elasticität der Luft vermehrt, letztere überersteres Herr werden, so müssen die Wolcken wieder von denBergen angezogen werden und auch als Wasser niederfallen.
Noch eine Bemerkung. Die Athmosphäre und die Berge ziehenwechselsweise die Dünste an, unter welchen Bestimmungen dies geschieht wird sich erklären lassen. Jetzt nur soviel: Wenn sichdie Elasticität der Luft vermehrt, vermehrt sich ihre Anziehungskrafftund die Wolcken verlassen die Berge und werden,wie mehrmals gesagt, von der Luft gehoben und verzehrt, umgekehrtist die Würckung umgekehrt. Es ist wie mit einem Luft ballon der sich auch wieder hebt wenn die Luft elastischer wird.
Ich habe das Wort Elasticität, statt des des in dieser Materie auchgewöhnlichen Wortes Schwere gebraucht, und es ist auch besser.Uberhaupt aber sind meine Kunstwörter nicht die besten, kommeich zurück; so wollen wir meine Bemerkungen und Erfahrungen mit den Grundsätzen der Phisicker ihren Theorien undErfahrungen zusammen halten. Ich bin leider nicht gelehrt wiedu weißt.
Note b.
Uber Polhöhe, Clima p.
Ich habe den ganzen Weg mit mir selbst über Polhöhe, Climaund was daran hängt gescherzt, nun darüber auch ein Paar Worte.
Die Polhöhe machts nicht aus, sondern die Bergrücken die vonMorgen nach Abend die Länder durchschneiden; diese machen sogleich grose Veränderungen und die Länder die alsdann nordwärtsliegen haben davon zu leiden. Die Wittrung dieses Jahrfür den ganzen Norden scheint durch die grose Alpenkette aufder ich dieses schreibe, bestimmt worden zu seyn. Hier haben sieden ganzen Sommer Regen gehabt und Südwest und Südost haben von hier den Regen in den ganzen Norden verbreitet. InItalien sollen sie schön Wetter fast zu trocken gehabt haben.
Note c.
Uber Pflanzen, Früchte p
Was ich bisher an Früchten angetroffen habe will nichts sagen.Aepfel und Birn hängen schon vor Inspruck im Innthal, Pfirschen Trauben bringen sie aus Wälschland oder eigentlich dem mittägigen Tyrol. Um Inspr. bauen sie Türckisch Korn sehr vieles war eben im ansetzen.
Auch noch ein Gewächs das sie Blende |: Haidekorn an andernOrten :| nennen, das ein Bräunlich Korn trägt, woraus Mehl gemacht und als Muß oder Knötel gegessen wird.
Hinter Inspr. sah ich die ersten Lerchenbäume die hierobenhäufich wachsen, und bey Schemberg den ersten Zirbel. DiePflanzen betr. fühl ich noch sehr meine Schülerschafft.
Bis München sah ich nur die gewöhnlichen. Das hieracium, die blaue Blume die sie bey uns wilden Sellery nennen, die Schaafgarbe,Disteln, was ich von Carlsb beständig sah. Vor Münchenan einem Wassergraben die Federnelcke, eine art niedriger Sonnenblume.Hinter Benedicktb. das Gebürg herauf und amWalchsee andre die ich eingelegt habe und die erste Gentiana immer war es das Wasser in dessen Nähe ich die neuen Pflanzenzuerst fand.
Uberhaupt über den Einfl. der Barometrischen Höhe auf diePflanzen will ich eine Meynung hersetzen die geprüft werdenmuß.
Die mehr elastische Lufft würckt auf die Organe der Pflanzeund giebt ihr auch alle mögliche Ausdehnung und macht ihreExistenz vollkommner. Ist Feuchtigkeit genug da die in dasausgedehnte Organ eindringen kann; so nährt sich die Pflanzegut und kann sich aufs beste entwikeln, stärker wachsen und sich reichlicher fortpflanzen. Dieser Gedancke ist mir bey einerWeide und Gentiane eingekommen da ich sah daß sie sehr zartwaren und von Knoten zu Knoten viel Zwischen raum hatten.Statt wie Fig 1. waren sie wie Fig 2 gebildet.
〈Hier eine Zeichnung, siehe Digitalisat〉
Hiervon in der Folge mehr.
NB ich sah auch im Walchen See sehr lange Binsen.
Note d.
Von Gebürgen und Steinarten.
Ich habe schon gesagt daß ich bisher die Kalck Alpen durchwandert habe. Sie haben ein Graues Ansehn und schöne sonderbareunregelmäsige Formen ob sich der Fels gleich auch inLager und Bänke abtheilt. Aber weil auch geschwungene Lagervorkommen und der Fels überhaupt ungleich verwittert; so sehen die Gipfel seltsam aus.
Es war alles Kalck soviel ich bemercken konnte bis herauf. Inder Gegend des Sees verändert sich das Gebirg |: vielleicht früher, das einem Nachfolger zu untersuchen bleibt :| und ich fandGlimmerschiefer stark mit Quarz durchzogen. Stahl-Grün unddunckel Grau. An denselben lehnte sich ein weiser dichter Kalckstein der an den Ablosungen glimmrich war und in grosen Massen die sich aber unendlich zerklüffteten, brach. Oben aufden Kalckstein legte sich wieder Glimmerschiefer auf der miraber zärter zu seyn schien.
Weiter hinauf zeigte sich eine besondere Art Gneis oder vielmehr eine Granit art die sich zum Gneis anlegt, wie das Stückwas ich von der Gegend von Ellenbogen habe. No ist einschnell aufgenommner Riß des Sees.
Hier oben gegen dem Hause über ist der Fels Glimmer schieferund die Wasser die aus den nächsten Bergen kommen bringen grauen Kalck wie Glimmerschiefer mit.
Es zeigt sich also daß hier oben nicht ferne der Granitstock seynmuß an den sich das alles anlehnt. Granit selbst habe ich nochnicht gefunden.
Auf der Karte sieht man daß man hier an der Seite von dem eigentlichen grosen Brenner ist von dem aus rings um sich dieWasser ergiesen. Denselben zu umreisen wär eine hübsche Aufgabefür einen jungen Mineralogen.
Note e.
Menschen.
Von ihnen kann ich nicht viel als vom Ansehn sagen.
Die Nation ist wacker grad vor sich hin, die Gestalten sich ziemlichgleich, doch wag ich keine Beschreibung der Formen ausdem Stegreif.
Braune wohl geöffnete Augen und sehr gut gezeichnete schwarze Augbrauen bey den Weibern sind mir aufgefallen und dagegenblonde Augbrauen und breite bey den Männern. Die grünenHüte geben zwischen den Bergen ein fröhlich Ansehn. Sie tragensie geziert mit Bändern oder breiten Schärpen von Tafft mit Franzen die mit Nadeln gar zierlich aufgehefftet werden, auch hat jeder eine Blume oder eine Feder auf dem Hute.
Dagegen tragen die Weiber weise, baumwollene, zotige, sehrweite Mützen, wie unförmliche Manns Nachtmützen, das ihnenein ganz fremdes Ansehn giebt.
Ihre übrige Tracht ist bekannt.
Ich habe Gelegenheit gehabt zu sehen was für einen Werth diegemeinen Leute auf Pfauenfedern legen, und wie iede andrebunte Feder geehrt wird, daß ich jedem Reisenden, der Freudemachen und statt eines kleinen Trinckgelds ein groses ohne Unkostengeben will, solche Federn mit sich zu führen rathen will. Es versteht sich von selbst daß man sie mit Geschicklichkeitanbrächte.
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