Tagebucheintrag
Reisetagebuch Italien 1786, 23. September 1786
d. 23. S.
Ich schleiche noch immer herum, thue die Augen auf und sehe,wie natürlich, täglich mehr. Von Gebäuden nichts weiter. Wennwir die Kupfer zusammen ansehn dann gar viel.
Schönes Wetter diese Tage her, heute bedeckt und kühl, dochkeine feuchte Kälte die uns im Norden tödtet.
Ich schreibe nun an meiner Iphigenie ab, das nimmt mir mancheStunde. und doch gibt mirs unter dem fremden Volcke unterdenen neuen Gegenständen ein gewißes Eigenthümliches und ein Rückgefühl ins Vaterland.
Meine angefangne Zueignung ans deutsche Publikum werf ichganz weg und mache eine neue, sobald die Iph. fertig ist.
Die Frauen tragen sich hier reinlich. Ein weises Tuch das derniedre Stand über den Kopf schlägt und wie in einen Schleyer darein wickelt, thut den Gesichtern nicht gut, es muß eins rechthübsch seyn wenn es dadurch nicht zu Grunde gerichtet werdensoll. Wenn man ausser der Zeit des Gottesdiensts in eine dunkleKirche kommt und so ein Paar verschleierte fromme Seelen drin sitzen oder knien, siehts Gespenstermäsig genug aus.
Die Art der geringen Fraun Leute sich das Haar zurück zu binden.und in Zöpfe zu flechten ist den Jungen vorteilhaft denAltern schädlich, die Haare gehen aus und die Vorderseite wirdkahl.
Die Weiber tragen an einem Bügel oder Bogen von schwankendem Holze, Körbe, Eimer pp was sie zu tragen haben.
〈Hier eine Zeichnung, siehe Digitalisat〉
sie können sich es gar bequem machen, indem sie, wenn esschwere Sachen sind, auch zugleich die Henckel mit den Händenfassen können, wie obenstehende Figur ausweiset.
Das Volck selbst ist gewiß von Grund aus gut, ich sehe nur die Kinder an und gebe mich mit ihnen ab, auch mit den alten. Inmeiner Figur, zu der ich noch leinene Unterstrümpfe zu tragenplege, |: wodurch ich gleich einige Stufen niedriger rücke :| Stellich mich auf den Marckt unter sie, rede über jeden Anlaß, fragesie, sehe wie sie sich unter einander gebärden, und kann ihre Natürlichkeit, freyen Muth, gute Art p nicht genug loben. Vonallem diesem in der Folge mehr und wie das mit dem was man von ihrer Arglist, Mistrauen, Falschheit, ja Gewaltthätigkeit sagt zusammenhängt mündlich, wenn wir sie erst mehr gesehen haben.
Ich bin recht wohl und munter, nur gegen Abend muß ich michin Acht nehmen, da kann ich ein klein wenig traurig werden und die Sehnsucht nach dir, nach Fritzen, Herdern, irgend einersubalterneren theilnehmenden Seele nimmt überhand. Ich laßsie aber nicht aufkommen, beschäfftige mich und so gehts vorüber.
Bezüge im Wissensnetz
Teil von (2)
Weitere QuellenErwähnt (2)
GZP-Knowledge-GraphHat Sprache (1)
GZP-Knowledge-Graph- Deutsch