Normalzeugnis Zeugnis
J. v. Unger, Lebenserinnerungen (B1 10, 17)
v. Gyldenstubbe Winter 1847/48 in Rom: Bei meinem ersten Aufenthalt in Rom lernte ich Goethe kennen, und wir schlossen uns sehr eng an einander an; denn wir harmonirten wunderbar mit einander. Eines Abends stiegen wir zusammen vom Monte Testaccio herab, und lagerten uns neben die Pyramide des Cestius auf dem Kirchhofe, wo schon damals die Protestanten begraben wurden. Goethe’s Abreise stand bevor; er war in höchstem Grade ergriffen, und konnte den Gedanken noch gar nicht fassen, sich von Rom trennen und nach Deutschland zurückkehren zu müssen. O, rief er, hier todt zu liegen, das wäre ja schön, unendlich schöner, als in Deutschland zu leben. Höre Wolfgang, sprach ich zu ihm, Du hast noch eine große Aufgabe zu erfüllen, darum mußt Du leben, aber was hindert Dich, hier neben der Pyramide des Cestius Deine letzte Ruhestätte zu suchen? Du hast Recht, rief er aufspringend, das will ich, aber Du mußt es auch thun! dann vereinigt auch uns beide der Tod wieder. – Schwöre mir, daß wir beide im Tode hier wieder zusammentreffen werden. Ich schwöre es Dir, sprach ich; dann schlossen wir einander lange und fest in die Arme. Am folgenden Tag reiste er ab – und ich habe ihn nicht wieder gesehen.
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