Normalzeugnis Zeugnis

Italienische Reise. April 1788 (WA I 32, 333)

Man wird es natürlich finden, daß ich bei meinen Abschiedsbesuchen jene anmuthige Mailänderin Maddalena Riggi nicht vergaß ... Nun fand ich sie im reinlichen Morgenkleide, wie ich sie zuerst in Castel Gandolfo gesehen; sie empfing mich mit offner Anmuth und drückte, mit natürlicher Zierlichkeit, den wiederholten Dank für meine Theilnahme gar liebenswürdig aus. „Ich werd’ es nie vergessen“, sagte sie, „daß ich, aus Verwirrung mich wieder erholend, unter den anfragenden geliebten und verehrten Namen auch den eurigen nennen hörte; ich forschte mehrmals, ob es denn auch wahr sei? Ihr setztet eure Erkundigungen durch mehrere Wochen fort, bis endlich mein Bruder euch besuchend für uns beide danken konnte. Ich weiß nicht, ob er’s ausgerichtet hat, wie ich’s ihm auftrug, ich wäre gern mitgegangen, wenn sich’s geziemte.“ Sie fragte nach dem Weg, den ich nehmen wollte, und als ich ihr meinen Reiseplan vorerzählte, versetzte sie: „Ihr seid glücklich so reich zu sein, daß ihr euch dieß nicht zu versagen braucht; wir andern müssen uns in die Stelle finden, welche Gott und seine Heiligen uns angewiesen. Schon lange seh’ ich vor meinem Fenster Schiffe kommen und abgehen, ausladen und einladen; das ist unterhaltend, und ich denke manchmal, woher und wohin das alles?“ Die Fenster gingen gerade auf die Treppen von Ripetta, die Bewegung war eben sehr lebhaft. Sie sprach von ihrem Bruder mit Zärtlichkeit, freute sich seine Haushaltung ordentlich zu führen, ihm möglich zu machen, daß er, bei mäßiger Besoldung, noch immer etwas zurück in einem vortheilhaften Handel anlegen könne; genug, sie ließ mich zunächst mit ihren Zuständen durchaus vertraut werden. Ich freute mich ihrer Gesprächigkeit; denn eigentlich macht’ ich eine gar wunderliche Figur, indem ich schnell alle Momente unsres zarten Verhältnisses, vom ersten Augenblick an bis zum letzten, mir wieder vorzurollen gedrängt war. Nun trat der Bruder herein, und der Abschied schloß sich in freundlicher mäßiger Prosa. Als ich vor die Thüre kam, fand ich meinen Wagen ohne den Kutscher, den ein geschäftiger Knabe zu holen lief. Sie sah heraus zum Fenster des Entresols, den sie in einem stattlichen Gebäude bewohnten; es war nicht gar hoch, man hätte geglaubt, sich die Hand reichen zu können. „Man will mich nicht von euch wegführen, seht ihr“, rief ich aus, „man weiß, so scheint es, daß ich ungern von euch scheide.“ Was sie darauf erwiderte, was ich versetzte, den Gang des anmuthigsten Gespräches, das, von allen Fesseln frei, das Innere zweier sich nur halbbewußt Liebenden offenbarte, will ich nicht entweihen durch Wiederholung und Erzählung.

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