Normalzeugnis Zeugnis

J. K. Osterhausen an J. B. Erhard 30. 11. 1797 (Varnhagen7 S. 134)

Goethe war über acht Tage hier in Nürnberg. Ich sprach ihn, und fand nichts von dem Stolz, den man ihm vorwirft. Wir sprachen von Schiller. Er sprach mit Enthusiasmus von ihm und seinen philosophischen Ideen, und bedauert, daß er sie nicht bekannt machte, hoffte aber, daß er noch im Stande sein würde ihn dazu zu überreden. – ... Ich sagte ihm, daß ich bedauere, Schiller’n nicht persönlich kennen gelernt zu haben, indem er nicht zu Jena war, als ich da war, und als er zu Nürnberg war, wo er bei dir war, wäre ich nicht hier gewesen. Als ich deinen Namen nannte, fragte er mit Lebhaftigkeit: „Was macht Erhard? Ist er hier? Das ist auch ein vortrefflicher Kopf.“ Ich sagte ihm von deiner Orts- und Geschäftsveränderung. Er entgegnete: „Ein so trefflicher Kopf wie dieser kann sich in alle Sättel werfen.“ Daß ich mir gegen Goethe auf deine Freundschaft viel zu Gute that, wirst du mir nicht verdenken. Er sagte gleich anfangs unserer Unterhaltung zu mir: „Sie finden wohl unter den Nürnberger Aerzten wenig Unterhaltung, denn sie scheinen sich nicht sonderlich mit Gelehrsamkeit und Litteratur abzugeben,“ worauf ich mich auch expektorirte, und als wir von dir sprachen, so sagte ich: „Sie können die hiesigen Aerzte daraus vollkommen kennen lernen, wenn ich Ihnen sage, daß sie den Doktor Erhard deßwegen nicht in ihr Kollegium aufnahmen, weil er nicht zunftmäßig drei Jahre auf Universitäten war“.

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