Normalzeugnis Zeugnis

Reise in die Schweiz 1797. Stuttgart, den 6. September 1797 (WA I 341, 314)

Ich ging mit Herrn Professor Thouret die verschiedenen Decorationen durch, die bei Verzierungen eines Schlosses vorkommen können, und bemerke hiervon Folgendes. Das erste, worin wir übereinkamen, war, daß man sich, um eine Reihe von Zimmern zu decoriren, vor allen Dingen über das Ganze bestimmen solle, man möge es nun einem einzelnen Künstler übertragen oder aus den Vorschlägen mehrerer nach eignem Geschmacke für die verschiednen Zimmer eine Wahl anstellen. Da ohnehin ein solches Unternehmen jederzeit großes Geld koste, so sei der Hauptpunct, daß man stufenweise verfahre, das Kostbare nicht am unrechten Platze anbringe, und sich nicht selbst nöthige, mehr als man sich vorgesetzt zu thun. So sei z. B. bei dem Appartement unserer Herzogin, dessen Lage ich ihm bezeichnete, es hauptsächlich darum zu thun, aus dem Anständigen eines Vorsaals in das Würdigere der Vorzimmer, in das Prächtigere des Audienzzimmers überzugehen; das Rundel des Eckes und das darauf folgende Zimmer heiter und doch prächtig zu einer innern Conversation anzulegen; von da in’s Stille und Angenehme der Wohn- und Schlafzimmer überzugehen und die daran stoßenden Kabinette und Bibliothek mannichfaltig, zierlich und mit Anstand vergnüglich zu machen. Wir sprachen über die Möglichkeit, sowohl durch das anzuwendende Material als durch die zu bestimmenden Formen einem jeden dieser Zimmer einen eignen Charakter und dem Ganzen eine Folge durch Übergänge und Contraste zu geben. Er erbot sich, wenn man ihm die Risse und Maße der Zimmer schickte, einen ersten Vorschlag dieser Art zu thun, den man zur Grundlage bei der künftigen Arbeit brauchen könnte. Decken und Gesimse sind das erste, an deren Bestimmung und Fertigung man zu denken hat, allein diese hängen von der Decoration des Zimmers sowohl in Proportionen als Ornamenten ab. Die Gesimse oder den Übergang von der Wand zur Decke kann man auf zweierlei Art machen: einmal, daß man ein mehr oder weniger vorspringendes Gesims in die Ecke anbringt und die Decke unmittelbar darauf ruhen läßt, oder daß man durch eine größere oder kleinere Hohlkehle die Wand und Decke sanft verbindet ... Isopi will selbst über dem architektonischen Gesims noch jederzeit eine Hohlkehle haben, um dem Ganzen mehr Freiheit und Ansehen zu geben ... Was die Wände selbst betrifft, so leiden sie die mannichfaltigsten Veränderungen. Eine sauber abgetünchte Wand, auf welcher die angebrachte Stuccatur durch einen leichten Ton abgesetzt wird, gibt für Vorsäle die angenehmste und heiterste Verzierung. Sehr wichtig aber ist für Decoration die Kenntniß, Granit, Porphyr und Marmor auf verschiedene Weise nachzuahmen. Die bekannte Art des sogenannten Gipsmarmors thut zwar, nach dem natürlichen Stein, den schönsten und herrlichsten Effect, allein sie ist sehr kostbar, und die Arbeit geht langsam; hingegen bedient man sich in Italien außerdem noch dreier andrer Arten, welche nach dem verschiednen Gebrauch und Würde der Zimmer anzuwenden sind, und alle drei sehr guten Effect machen. Die erste wird auf nassen Kalk gemahlt und hinterdrein vom Maurer verglichen und von dem Mahler wieder übergangen, so daß beide immer zusammen arbeiten; sie können auf diese Weise des Tages 6 Quadratschuh fertig machen. Der neue Saal von Hohenheim wird auf diese Weise decorirt, und man könnte daselbst im Frühjahr schon die Resultate sehen. Die zweite ist, was die Italiäner Scajola nennen, eine Art von nassem Mosaik. Der Pilaster oder die Füllung, die auf diese Art bearbeitet werden soll, wird mit einem einfärbigen beliebigen Gipsgrunde angelegt. Wenn er trocken ist, sticht der Künstler, der freilich darin Praktik haben muß, mit Eisen die Adern, oder was man für Zufälligkeiten anbringen will, heraus und füllt und streicht die entstandnen Vertiefungen mit einer andern Farbe wieder aus, wozu er sich kleiner Spateln bedient. Wenn dieses wieder trocken ist, übergeht er es abermals, und das so lang’, bis der Effect erreicht ist, da denn zuletzt das Ganze abgeschliffen wird. Man kann durch diese Art weit mehr als durch das Mischen des Marmors die Natur erreichen, und es soll bei gehöriger Praktik um einen großen Theil geschwinder gehen. Die dritte Art ist für Vorsäle und Zimmer, die man leicht behandeln will; sie soll sich aber auch sehr gut ausnehmen. Der Marmor wird nämlich mit Leimfarbe auf die abgetünchte Wand gemahlt und mit einem Spiritusfirniß überstrichen. Alle drei Arten offerirt Herr Thouret durch Beschreibung, noch lieber aber durch persönliche Anleitung mitzutheilen. Er widerräth das Mahlen des Marmors mit Öl auf die abgetünchte Wand, weil die Arbeit eine unangenehme, der Natur widersprechende Bräune nach und nach erhält. Der Gebrauch der Seide zur Verzierung der Wände ist auch wohl zu überlegen. Ganze Wände damit zu überziehen hat immer etwas Eintöniges, man müßte ihnen denn nach Größe und Verhältniß der Zimmer starke Bordüren geben und auf die großen Räume wenigstens einige würdige Gemählde anbringen. Übrigens aber sind die kleinern seidnen Abtheilungen, mit Stuccatur und Marmor verbunden, immer das Angenehmste und Reichste, wie wir das Beispiel auch im Römischen Hause sehen. Da die Spiegel nunmehr jederzeit als ein Theil der Architektur angesehen, in die Wand eingelassen und niemals in mehr oder weniger barbarischen Rahmen aufgehängt werden, so fallen die Rahmen dazu meist in das Feld des Stuccaturers, wenigstens hat der Bildschnitzer nicht viel daran zu thun. Dagegen ist zu wünschen, daß das Schnitzwerk an den Thüren, die im Ganzen einerlei Form haben können, nach Verhältniß angebracht werde; wie sie denn überhaupt nur immer Holzfarbe sein sollten, um so mehr da man durch Fournirung verschiedner Hölzer, Schnitzwerk, Bronze, Vergoldung ihre Mannichfaltigkeit sehr hoch treiben kann, und eine weiße Thür immer etwas Albernes hat. Statt des kostbaren Schnitzwerks lassen sich auch bei Tapetenleisten die von Carton ausgedruckten vergoldeten Zierrathen sehr gut brauchen. Wegen der Lambris hielt man dafür, daß bei hohen Zimmern allenfalls die Höhe der Fensterbrüstung beibehalten werden könne, sonst aber sähe ein niedriger sockelartiger Lambris immer besser aus, indem er die Wand niemals gedruckt erscheinen lasse. Wegen den Fußböden kamen auch sehr gute Vorschläge zur Sprache, die nächstens im weitern Umfang zu Papiere zu bringen sind. Einer von den Hauptfehlern bei der Decoration der Zimmer, der auch bei der frühern Construction der Gebäude begangen wird, ist, daß man die Massen, die man haben kann oder hat, trennt und zerschneidet, wodurch das Große selbst kleinlich wird. Wenn man z. B. in einem Saal eine Säulenordnung, die nur einen Theil der Höhe einnimmt, anbringt und über derselben gleichsam noch eine Attike bis an die Decke macht. Dieser Fall ist noch in dem ausgebrannten Schlosse zu Stuttgart zu sehen. Oder wenn man die Lambris verhältnißmäßig zu hoch macht, oder die Gesimse oder Friesen oben zu breit. Durch solche Operationen kann man ein solches Zimmer niedrig erscheinen machen, wie durch die umgekehrte richtige Behandlung ein niedriges hoch erscheint. Diesem Fehler sind alle diejenigen ausgesetzt, welche nur immer an mannichfaltige Verzierungen denken, ohne die Hauptbegriffe der Massen, der Einheit und der Proportionen vor den Augen zu haben.

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