Normalzeugnis Zeugnis

K. Morgenstern, Reisebericht 3. 5. 1798 (JbGG NF 4, 87)

Von drei Viertel auf elf bis halb eins war ich wieder eingeladen, bei Goethe zum Dejeuner. Ich sprach ihn diesmal noch länger als das vorige Mal. Wir redeten über Tragödie der Alten und Neuern, Schauspiel etc. Einen Schauspieler wie Iffland gesehn haben, sagte er, erregt beim Publikum ein Bedürfnis, künftig wieder dergleichen zu sehen; und ein solches Bedürfnis erwecken, ist der erste Schritt zum bessern Geschmack. Wie man sich gewöhnen kann, viel oder wenig zu essen; ein stärkeres oder schwächeres Bedürfnis des Essens zu haben etc.: so etc. – In einem Gespräch mit JR. Hufeland etc. kam er auf das Handeln nach reinen Grundsätzen. ‚Ich handle nach Instinkt‘, sagte er; ‚aber ich geb es auch nicht für Handeln nach Vernunftprinzipien aus‘. Man müsse darin ehrlich sein etc. Die beiden Hufelands und ihre Frauen waren wieder da: D. Paulus mit dem Inspektor Abegg aus Boxberg; Prof. Meyer; der Schauspieler Beck und seine Frau, auch noch eine oder zwei Schauspielerinnen; die Familie Ludecus, Kirms, Rat Schlegel und seine Frau, Bibl. Sekretär Vulpius etc. Auch Schillers Frau kam, mit der ich sprach. Die Tür des blauen Kabinetts nach dem Garten hin war geöffnet: Rosenstöcke machten den Hintergrund (Goethes Knabe zeigte sich im Garten). Iffland sprach sehr interessant; vom Berlinischen Publikum mit einiger Bitterkeit: es kann z. B. die Leerheit des Schauspielhauses nicht vertragen; sind wenige da, so gehn manche bloß der Leerheit halber wieder weg etc. Er habe es sich indes zum Gesetz gemacht, vor dem leeren Hause ebenso angestrengt zu spielen als vor dem vollen; lasse man einmal darin nach, so sei man verloren, man komme ins Schleudern etc. ... Und das Wissen, daß nur einer oder der andere im Schauspielhause sei, der ihn verstehe, dies belebe oft allein sein Spiel etc. (JR. Hufeland stand da. Anwendung auf den akademischen Dozenten etc.) Er übe sich nie vor dem Spiegel in Gesten ... Auch habe er nie tanzen gelernt. – Er probiere seine Rolle nicht vorher ... sondern setze sich erst bei der Vorstellung ganz in die Lage; das eben mache ihm das Spiel noch jetzt interessant ... Zuletzt bei Falk, wo ich noch zu Abend aß ... Mit einem Bürger sympathisiert er (vermöge seiner Organisation) ganz; einen Schiller etc. vermag er nicht ganz zu würdigen ... Gespräche über Goethe, Wieland, Herder, Böttiger etc. (Auch Goethen vermag F. nicht nach seinem ganzen Umfang zu schätzen. Nur für das ihm Gleichartige an jenem hat er Sinn. Daß Goethe in seinem Charakter von jenen drei großen Männern in Weimar der größere Egoist ist, glaub ich indes wohl.)

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