Brief

Von August Wilhelm Schlegel (24. September 1797)

S. vermisse G.s Umgang unendlich, habe sich aber bisher nicht getraut, an G. zu schreiben. Der "Musenalmanach" für 1798 (Aushängebogen) habe S.s Entzücken und Bewunderung erregt. Über G.s Beiträge: In den Idyllen "Alexis und Dora" und "Der neue Pausias" sei es G. gelungen, das Idyllische in das wirkliche Leben hinein zu verpflanzen; vor allem in dem zweiten Gedicht stehe es dicht neben den Szenen der großen Welt. In der "Braut von Korinth" habe G. das Gespenstermäßige [...] mit dem idealisch Schönen vereinigt; kühn und groß sei der noch unentschiedne Antagonism zwischen den heidnischen Göttern und den christlichen. "Der Gott und die Bajadere" habe G.s Geheimniß ein wenig verrathen, daß G. der Gott Mahodöh selbst sei. Durch Wahl und Behandlung des Stoffes und die erfundnen Sylbenmaaße habe G. für die Gattung der Ballade einen neuen Maßstab gesetzt und diejenigen widerlegt, welche behaupten, das Gebiet der Dichtung werde durch den Gang unsrer Bildung immer mehr verengt. - Zweifel an der Volksmäßigkeit von Bürgers Balladen: Bürger verstoße oft gegen die echte Popularität durch das Bestreben nach Stärke und Lebendigkeit der sinnlichen Darstellung, während die alte spanische, englische und dänische Romanze oder Ballade durch große Wirkung bey scheinbar geringen Mitteln überrasche. S. wolle Jagd auf Balladenstoffe aus aller Welt machen. Weitere theoretische Erörterungen über die Ballade und S.s eigene Dichtungen. Er habe sich seit vielen Jahren nicht so dichterisch gestimmt gefühlt wie jetzt. Zwar falle es ihm im Gegensatz zu der Leichtigkeit in seiner Jugend jetzt schwerer, seine eigenen Forderungen zu realisieren, aber das Mechanische der Ausführung beherrsche er völlig. - S.s Romanze "Arion" ("Musenalmanach" für 1798) sei ein Pendant zu Schillers "Kranichen des Ibykus", die er aber erst danach kennengelernt habe. Für den "Musenalmanach" für 1798 sei auch das Gedicht "Die entführten Götter" über die Wegführung der Kunstwerke aus Rom bestimmt. Im "Journal de Paris" und als Übersetzung in J. W. von Archenholz' Zeitschrift "Minerva" (1797) habe ein Aufsatz "Über Buonapartes Zug nach Rom und über die Gemälde und Statuen Italiens" von P. L. Roederer gestanden, der im Gegensatz zu seinen Landsleuten diesen Kunstraub verurteile. - Schiller habe S. auf die letzte Sendung mit "Arion" nicht geantwortet. Wenn das durch F. Schlegels Rezension der "Horen" in J. F. Reichardts Zeitschrift "Deutschland" verursachte Mißverständnis mit Schiller nicht wieder ausgeglichen werde, könne S. seine Arbeiten nicht mehr in einer Publikation Schillers erscheinen lassen. - In Jena seien K. W. F. von Funck und F. L. von Hardenberg zu Besuch gewesen. Letzterer habe sich seit dem Tod seiner Braut S. von Kühn mit doppelter Thätigkeit in die abstraktesten Wissenschaften gestürzt und wolle jetzt über Dresden nach Freiberg reisen. - F. Schlegel arbeite in Berlin an seiner "Geschichte der Poesie der Griechen und Römer"' (Ruppert 695). - Der 2. Band von S.s Shakespeare-Übersetzungen sei bald fertig gedruckt (Ruppert 1522). Für J. D. Fiorillos "Geschichte der zeichnenden Künste" (Ruppert 2401) habe S. jetzt die Artikel über Leonardo da Vinci und Michelangelo geschrieben. Mit einer Rezension in der "Allgemeinen Literaturzeitung" (1798, Nr. 374) habe er V. W. Neubecks Gedicht "Gesundbrunnen" aus der unverdienten Dunkelheit hervorgezogen und sich bei G. J. Göschen für eine Neuauflage eingesetzt. Näheres über Neubeck, das S. von J. K. C. Fischer erfahren habe. - G.s "Hermann und Dorothea" erwarte man in acht Tagen, Klopstocks "Oden" (Leipzig 1798) erst im Winter. - Italienische Zitate aus Ariosts "Orlando Furioso" und Petrarcas Laura-Sonetten.

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