Normalzeugnis Zeugnis
Böttiger an F. Vieweg 29. 1. 1797 (Dreyer S. 149)
Göthe war zwey Tage mit dem Herzoge verreist. Sobald er zurück war, schickte ich ihm Ihren Brief. Er ließ den versiegelten Zettel nicht abhohlen. Nun war ich froh. Ich steckte ihn zu mir und gieng selbst. Es war heller Sonnenschein auf seiner Stirn. Wir haben uns zusammengetroffen, rief er mir entgegen. Das Billet wurde entsiegelt, und es stand darinnen: Für mein Gedicht H. u. D. verlange ich 1000 Thaler in Golde. Er fühlte und schätzte Ihre offene und schnellentschlossene Art zu handeln, die auch meine innige Hochachtung hat.
So weit wären wir also! Nun weiter. Ich benutzte die frohe Stimmung, ihm das Versprechen abzugewinnen, daß er die treffliche Elegie, die ich Ihnen sub rosa schon mittheilte, als Vestibül zu seinem epischen Tempel mitgäbe. Er wollte sie nehmlich zu einer andern, schon fertigen Sammlung von Elegien schlagen. Er nahm meinen Vorschlag freundlich auf, und schickt Ihnen hier die Elegie zur Ansicht. Es kömmt nun bloß darauf an, daß Sie ihn selbst noch darum bitten, und er giebt sie gewiß. Sie dürfen sich übrigens dieser Elegie nun auch öffentlich freuen.
In 14 Tagen geht er nach Jena um das Ganze zu vollenden, und so hat er mir schon versprochen, daß Sie Anfangs April die erste schon jetzt vollendete Hälfte haben können. Er betrachtet dieß Gedicht selbst für das glücklichste seiner Geniekinder, und wendet eine seltene Pflege und Feile darauf. Also ist Aufschub hier wahrer Gewinn ...
Ueber die Kupfer! Da ist Göthe der Meinung, daß so bald Sie nicht Chodowiecki allein dazu bekommen können, Sie dieß Unternehmen aufgeben möchten. Ueberhaupt sei er selbst mit Chodowiecki nicht einmal glücklich. Göschen mußte mehrere Blätter ganz zurücklegen. Darum habe er zu keiner seiner neueren Schriften dieß Lilliputtische Schnörkelwerk gegeben. Er bitte Sie daher, sich Unkosten und ihm Unmuth zu ersparen. Aber man könne doch auf allerlei andere Ornamente sinnen. Schon die Form Ihres Kalenders mit den englischen Etuis, Scheerchen, Messerchen u.s.w. sey allerliebst und entschädige gewissermaßen für die Kupferchen. Dazu rathe er Ihnen das allerliebste Blatt, die königliche Familie, besonders aufziehen und in alle guten Calendern ins Portefeuilleräumchen besonders zu legen. Bei den schlechtern könne es mit hineingebunden werden. Vieleicht ließen sich in dieß Fachwerk noch einige andere Sachen ausdenken. Göthe hat mich selbst aufgefordert darüber nachzudenken und ich habe schon folgende zwey Ideen gefaßt, die ich hier nur angedeutet haben möchte.
Auch ließe sich wohl ein Dutzend sogenannter Grylli, oder fantastische Zusammensetzungen von allerlei Thier- und Menschenköpfen aus echten antiken Gemmen zusammenbringen, die aufs neue nachgestochen als bedeutende Aufgaben in gesellschaftlichen Spielen aufgestellt werden könnten. Alle diese Dinge dürften nicht in die Calender eingebunden, sondern müßten bloß als Beylagen gegeben werden. Urtheilen, prüfen Sie, theuerster Freund, und verlassen sich darauf, daß ich mit Göthe gemeinschaftlich auch für diese hors d’œuvres zärtliche Sorge tragen werde.
Hier ist Göthes Antwort und die Elegie!
Noch eins! Es ist mir nicht unwahrscheinlich, daß Sie in der Zukunft auch der Verleger einer prächtigem und größern Ausgabe dieses und vieler anderer Gedichte von Göthe werden können, wenn wir die Sache nur recht einzuleiten wissen.
Unsern würdigen Freund Gentz läßt Göthe herzlich grüßen und es thäte ihm sehr leid, daß unser Herzog aus einer sonderbaren Laune gerade von der Sammlung der französischen Revolutionsschriften, die freilich eigentlich zu seiner Handbibliothek gehören, nichts auswärts hinsenden wolle. Er habe zweimal vergebliche Versuche beym Herzog deßwegen gemacht. Habe er dieß voraussehen können, so würde er sich diese Schriften auf seinen Nahmen habe geben lassen. Jetzt sei es bedenklich, dieß zu wagen. In einiger Zeit aber ließe sich auch dieß vieleicht ausführen. So weit Göthe! Und ich muß hinzusetzen, daß ich von der Wahrheit dieses Berichts durch eine Nachfrage auf der Bibliothek selbst die unbezweifelte Gewißheit erhalten habe. Ich kann nicht sagen, wie sehr mich diese Fehlschlagung schmerzt.
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