Normalzeugnis Zeugnis
N. A. Kirchberger an Lavater 27. 10. 1779 (Im neuen Reich 1877, 2 S. 106)
G. veruhrsachte mir viel Vergnügen, beym anlaß meiner herzlichen Abneigung gegen die Berliner haben wir von Religion gesprochen, er ist über die gewöhnlichen Vorurtheile soweit hinweggesetzt, daß er sogar eine besondere Hochachtung für Personen trägt, die vom gemeinen Hauffen der Gelehrten und Ungelehrten verachtet sind und die ich äußerst hochschätze. Wir sprachen auch von der macht der menschlichen Seelen, nicht nur in rücksicht ihrer größe, sondern in folge eines wirklichen Ausflusses der in die umstehenden auch ohne ein wort zu sprechen wirkt; hierüber war er zu meiner verwunderung auch meiner meinung, sodaß bey dieser übereinstimmung, die ich wirklich in seinem innersten antraf, ihm alle meine Gedanken aufschließen konnte. Er war auch so gefällig, mir seine art mitzutheilen, wie er an einem Gegenstand arbeitet – wie außerordentlich lang er solchen in seinem Busen wärmt, biß er ihn der Welt darstellt – dieß ist auch das Mittel um sein ganzes Zeitalter mit sich fortzureißen.
Sein Fürst der völlig an ihm hängt, ist ein gütiger bescheidener, seine eigene Würde fühlender, über alle schmeicheley hinweggesetzter herr, der obschon noch jung gewiß nicht ohne Kenntnisse ist, nach dem ersten Eindruck, den er auf Sie vielleicht machen wird, müssen Sie nicht schließen. G. beym Herzog ist ein ganz anderer Mann – weil das regime für den Herzog nicht das gleiche seyn kan wie für Sie oder jemand anders insbesonders – dieß wird noch complicirter wen fremde gegenwärtig sind.
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