Normalzeugnis Zeugnis

Herder an Hamann, Mitte od. Ende Nov. 1780 (Hamann-Briefwechsel 4, 241)

Ueber meine Briefe hat Lavater mir einen großen Brief voll sauersüßer Anmerkungen geschickt, aus denen ich sehe, daß ihm u. mir vor der Hand gut ist, gegen einander Siebenschläfer zu werden. Die Illustres Voyageurs Carl August und Goethe dieses Orts, haben ihm einer nach dem andern Ideen von mir beigebracht, die der zarte Mann, wie es scheint, nicht verdauen kann u. die als unverdaute Dinge bei ihm würken. Und doch ists u. bleibts gegen diese Herren mein Vorsatz, sie gehn zu lassen u. mich um sie nichts zu kümmern. Ihre Werke, die Arbeit u. Verfassung von 3. Jahren, denen noch immer jeder Tag entspricht, zeigen von des Baumes Saft u. Wesen. – Sie haben mich ihm als einen Gallsüchtigen geschildert, der mit ihnen nicht leben wolle oder vielmehr mit dem sie nicht leben könnten, u. doch habe ich gegen all ihr Beginnen, das übrigens nicht meines Amts ist, kein Wort gesagt. Mein Stillschweigen u. stumme Entfernung mit Absagung all ihrer Ehren u. Blendwerke drückt sie, ohne doch daß sie im mindesten sich um etwas anders bemühen wollten. Also sind wir durch Gott, unsre Ämter u. unsre Naturen geschieden. Der Herzog, der in Zürich den „Lichtbedürftigsten, Wahrheitsuchendsten Religiosen“ (erlauben Sie mir Zürcherausdrücke zum Zürcherkreise) gemacht hat, soll Lav. gesagt haben, da dieser ihn vermuthl. in manchem auf mich verwiesen: „ich gebe ihm nur Blitz licht in der Religion, aber Göthe gebe ihm das wahre bleibende Licht“.

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