Normalzeugnis Zeugnis

Julie v. Bechtolsheim (LB Dresden, Msc. Dresd. h 43IX)

An Herrn LandkammerRath Mathesius im May 1793. Ich hätte Deiner Dichterkrone Schon längstens gern ein Blümchen zugesellt, So schön wie sie uns blühn in der Gedanken Welt Von Deinen Liedern, ganz dem Fühlenden zum Lohne. Umsonst! stets war die Zeit zum Suchen mir verkürzt, Und hätt’ ich auch schon einige gefunden, Und Immergrün bedächtlich drum gewunden, So schien das Sträuschen selbst mir nie genug gewürzt. Nun gab ich’s auf; doch mußt ich Dir’s erst klagen; Es scheint die edle Gärtner Kunst Erhielt ich nicht durch Götter Gunst. Zum Glück für mich, für Dich will ich nicht sagen, Half mir – o höre wie’s geschah! Der Zufall noch vor wenig Tagen. Ein Fremder meldet sich, tritt ein, und siehe da! Auf einmal war mir Goethe nah, Der Unnachahmliche, der uns in Werthers Leiden Durch jenen Kampf von Schmerz und unterdrückte Freuden Mit Meisterzügen rührt, und wehmuthsvoll entzückt, Und auch verzeih’s ihm Gott! so manchen Kopf verrückt. Nun wandelt’ ich mit ihm zum Garten, Im halben Traum ob’s Wahrheit sey, im Glück Des Wiedersehns hinschwebend, und wir harrten Auf einen schönen Sonnenblick. Doch dieser schien verbannt auf immer; Ein Nordwind wies ins öde Zimmer Zu unserm Mismuth uns zurück. Da sprachen wir von Politik, Und von den neuen Kraftsystemen, Wodurch der Schwindelgeist entbrannt In gar anschaulich weisen Themen Die arme Menschheit überspannt Zu toller Schwärmerey und Liebe zu extremen: Doch wenn mit einem Mann von Goethe’s Licht Von Angesicht zu Angesicht Man ganz allein sich fühlt, muß man am Ende nicht Des seichten Weiberkopfs sich schämen, Der oberflächlich nur von solchen Dingen spricht? Mir schien es, als ob Langeweile Den guten Denker schon umschlich, Ich fürchte, daß in mächt’ger Eile Der Freund alsdann von meiner Seite wich. Um dieser Kränkung zu entrinnen Sann ich auf Mittel hin und her Mir kleine Reitze zu gewinnen, Und denk’ o Freund! es glückte sehr. Als ich den Tadel über träge Waffen Den Modeton, die Politik verlies, Ward bald darauf mein Zimmer umgeschaffen Zu einem kleinen Paradies; Ein mahlerischer Pinsel webte Uns eine Schöpfung her, belebt durch Götterspur, Vor unserm Seelen Auge schwebte Das ganze schöne Bild der lächelnden Natur. Der Himmel schien um uns sich aufzuhellen, Die Luft war durchgewürzt und mild, Und in des Baches klaren Wellen Bewunderten wir Lunens sanftes Bild. Es war als ob von Blumen eine Kette Liebkosend sich um unsern Arm hinschlang, Und tausend Vögel um die Wette Uns grüßten mit des Frühlings Hochgesang. Noch süsser als das Lied der Philomele Im holden Wonne Monde, drang In unser Ohr ein heller Silberklang Entströmend dem Gefühl von einer schönen Seele; Der Neuheit Reitz, die volle Harmonie Der unbekannt zu lang geblieb’nen Töne, Erweckten uns in holder Sympathie Zur Schwärmerey für’s nahmenlose Schöne Und schmiegten sich so sanft zu meines Freund’s Magie. Du lächelst – wie? als wär die ganze Sache Ein Wahn, wohl gar ein blauer Dunst, Womit ich Dir durch Docktor Faustens Gunst Zum Zeitvertreib ein kleines Blendwerk mache, Und spöttelst der verrufnen Kunst? O spöttle nicht! schon öfn’ ich Dir das Siegel, Und mein Geheimnis dringt hervor; Es war entlehnter Ton, ein fremder Zauberspiegel Wodurch ich Goethen selbst geschmeichelt Aug u. Ohr: Indeß die Freundschaft uns mit ihrem heil’gen Flügel Umwehte, las ich ihm – von Deinen Liedern vor.

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