Normalzeugnis Zeugnis
v. Lose, Schattenrisse edler Teutschen (Lose 1, 82)
Wann je ein Gesicht – was, nur Gesicht! nein! ganzer Umriß, Wuchs, Einheit des Körpers, phisionomisch und zugleich ästhetisch schön war, so ist das physische all von Göthe schön. Welch ein herrlicher Zusammensatz, welche schöne Sümmetrie! Ich sahe ihn zum erstenmale ohne ihn zu kennen; seinen Namen zu kennen; aber seine Seele und sein Herz – die kannte ich sogleich. Tausend unsichtbare Fesseln der Liebe, der Geneigtheit, des Gutseins fesseln unsern Blick, daß er an dem Seinem sich weide. Und selbst der Fremde, der eiskalte roussauische Waldmensch würde, wenn er Göthen im Walde begegnete, weilen, ihm nachsehen, und ihn ungern aus den Augen verliehren wollen.
Dieses weitgeöfnete, helle, oft verliebtschwärmende, öfters mächtigdurchdringende Auge, diese lange, etwas sanft geschweifte Nase, diese Hoheit und Würde, schmachtende Liebe und zärtlichkeitströmende Lippen, und das feste, kraftstarke Kinn, wie viel Charakter? So viel, daß ihrs nicht fassen könnt! Wahrlich, Göthe ist so reich an Genie, als Crösus an Golde! ...
In der Gesellschaft der Seinen ist dieser Liebling der Musen offen, ausfliessend, mittheilend und sümpathisirend; – unter fremden Menschen ist er ebenfalls frei und ungezwungen, aber etwas stille und politisch klug. Alle seine Bewegungen und Aeusserungen haben liebenswürdigen Anstand und Gefälligkeit. Er redet gern mit Kennern über Wissenschaft und Kunst, und ist alsdann mit der Fülle seiner Kenntniß und Gelehrsamkeit in seinem Elemente. – Der Natur liegt er immer am Busen, belauscht sie in allen ihren Aufzügen und Geheimnissen. Er wohnt deshalb nicht in der Stadt, sondern in einer ländlichen einsamen Wohnung vor dem Thore, und ist in seiner ganzen Lebensart und Handlung so einfach und ungenirt, wie ein Mann sein muß, der Welt und Verhältniß kennet.
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