Brief
Von Friedrich Schiller (4. April 1797)
S. sei aus der bisherigen Geselligkeit in die größte Einsamkeit versetzt (vgl. RA 2, Nr. 710) und denke über seine tragisch-dramatischen Pflichten nach. Auch entwerfe er ein detailiertes Scenarium des ganzen Wallensteins. Reflexionen über die Behandlungsart der Tragödie bei den Griechen: Überzeugung, daß es im wesentlichen darauf ankomme, eine poetische Fabel zu erfinden. Über dem Bestreben, der Wirklichkeit recht nahe zu kommen, liefen die neueren Dichter häufig Gefahr, die tiefliegende Wahrheit zu verlieren, worinn eigentlich alles Poetische liege. Bei der erneuten Lektüre der "Trachinierinnen" und des "Philoktet" von Sophokles sei ihm aufgefallen, daß die Charactere des Griechischen Trauerspiels, mehr oder weniger, idealische Masken und keine eigentlichen Individuen seien, wie sie S. z. B. in Shakespeares oder G.s Stücken finde. Jene seien für die Tragödie offenbar besonders geeignet; sie exponieren sich geschwinder, und ihre Züge sind permanenter und fester. - Übersendung einer Teilübersetzung der "Lysistrata" des Aristophanes von W. von Humboldt. - S. habe ein Diplom der Stockholmer Akademie der Wissenschaften erhalten. - Bitte um ein neues Stück Cellini ("Horen" 1796-1797).
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