Tagebucheintrag
Reisetagebuch Italien 1786, 6. September 1786
d 6. S. Unterbrück um 2.,
München um 6 in der Frühe.
Abends um sechse. nun ist mein Münchner Pensum auchabsolvirt, diese Nacht will ich hier schlafen und Morgen frühweiter. Du siehst ich richte mich eilig ein, und will und mußnun einmal diese Manier versuchen, um von der alten hockenden und schleichenden ganz abzukommen.
Ich habe die Bildergallerie gesehn und mein Auge wieder anGemälde gewöhnt. Es sind treffliche Sachen da. Die Scizzen vonRubens zu der Lüxenburger Gallerie sind herrlich. Das vornehmeSpielwerck, die Colonna Trajana im Modell, die Figuren verguldet Silber auf Lapis lazuli, |: ich glaube Archenholz sprichtdavon :| steht auch da. Es ist immer ein schön Stück Arbeit.
Im Antiquario, oder Antiken Cabinet, hab ich recht gesehen daßmeine Augen auf diese Gegenstände nicht geübt sind, und ichwollte auch nicht verweilen und Zeit verderben. Vieles will mir gar nicht ein.
Ein Drusus hat mich frappirt, die zwey Antoninen gefielen mirund so noch einiges. Sie stehen auch unglücklich, ob man gleichrecht mit ihnen aufputzen wollen, und als Ganzes der Saal, odervielmehr das Gewölbe, ein gutes Ansehn hätte, wenn es nur reinlicher und besser unterhalten wäre.
Im Naturalienkabinet fand ich schöne Sachen aus Tyrol, die ichaber durch Knebeln schon kannte. Apropos von Knebeln! Ihmgefiel im Äntikensaal ein Julius Cäsar so wohl, der, |: ich müßtemich entsezlich betrügen :| gar nichts taugt, allein ich finde eine frappante Ähnlichkeit der Büste mit Knebeln selbst. Die Ubereinstimmung des Charackters hat also den Mangel der Kunstersetzt.
Ich wohne auch hier in Knebels Wirthshaus, mag aber nichtnach ihm fragen, aus Furcht Verdacht zu erwecken oder demVerdacht fortzuhelfen. Niemand hat mich erkannt und ich freue mich so unter ihnen herum zu gehen.
Bey Kobeln war ich, fand ihn aber nicht zu Hause. Sonst hatt ichden Spas einige die ich dem Nahmen nach kannte, und ihrBetragen zu sehen.
Uberhaupt da ich nun weis wie es allen Ständen zu Muthe ist und niemand seinen Stand verbergen kann und will; so hab ichschon, das phisiognomische abgerechnet, einen grosen Vorsprung,und es ist unglaublich wie sich alles auszeichnet.
Herder hat wohl recht zu sagen: daß ich ein groses Kind bin undbleibe, und ietzt ist mir es so wohl daß ich ohngestraft meinem kindischen Wesen folgen kann.
Morgen geht es grad nach Inspruck! Ich lasse Salzburg, wovonich dir sogerne erzählt hätte, um den reisenden Franzosen auszustechen, das Zillerthal, mit seinen Turmalinen, die Bergwerckevon Schwaz, die Salinen von Halle! Was lass ich nicht alles liegen? um den Einen Gedancken auszuführen, der fastschon zu alt in meiner Seele geworden ist.
Heute früh fand ich eine Frau die Feigen verkaufte auf einerGallerie des Schlosses, sogleich wurden ihrer gekauft und obgleichtheuer. drey Kreutzer das Stück, doch die ersten, denen will Gott mehr folgen sollen. Das Obst ist doch auch für d. 48tenGrad nicht übermäsig gut. Man klagt wie überall über Kälte undNässe. Ein Nebel, der für einen Regen gelten könnte, empfingmich heute früh vor München, den ganzen Tag blies der Windsehr kalt vom Tyroler Gebirg, der Himmel war bedeckt. Ich stieg auf den Turm von dem sich die Fräulein herabstürzte undsah mich nach den Tyroler Bergen um. Sie waren bedeckt undder ganze Himmel überzogen. Nun scheint die Sonne im Untergehnnoch an den alten Turm der mir vor dem Fenster steht. Lebe wohl. Du bist mir immer gegenwärtig und offt regt sich der Wunsch wieder: mögt ich doch Fritzen mitgenommen haben.
Noch eine böse Arbeit steht mir bevor. Nach einer letzten Conferenzmit Herdern, mußt ich die Iphigenie mitnehmen und muß sie nun gelegentlich durchgehn und ihr wenigstens einigeTage widmen. Das will ich auch thun, sobald ich ein Pläzgenfinde wo ich bleiben mag.
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