Normalzeugnis Zeugnis

Caroline v. Heyggendorf, Erinnerungen (Bamberg 1, 98)

Als ich ihm durch das Theater näherkam, fanden sich neue Gründe zur Unzufriedenheit, wenn auch nur künstlerische, die sich gleich bei meinem ersten Auftreten 18. 2. 1797 offenbarten. In Mannheim war alles einfach, aber anmutig arrangiert, die Versöhnungsszene Oberons und Titanias malerisch geordnet; hier legte Goethe der Wiedervereinigung Schwierigkeiten in den Weg, indem er hinter dem Wolkenwagen, in dem sich Oberon der Erde nähert, um mit der Gattin in die Lüfte zu entschweben, eine durch eine Wolke schlecht versteckte Leiter anbringen ließ, auf der zwei Genien – wieder jene hausbackenen Seminaristen – über den Häuptern der neu Versöhnten einen Kranz halten mußten. Durch die Leiter blieben aber die Gatten getrennt, konnten nur die Arme sehnsüchtig ausstrecken und sich einander zuneigen, während das Verschweben in den Wolken ganz wegfallen mußte. Daß meine Titania ein gestreiftes Musselinkleid anhatte, hoch frisiert war und statt fleischfarbener Sandalen schwarze rauhlederne Schuhe mit Schnallen trug, indignierte mich ebenfalls, und die kleinen steifen Röschen, die hie und da auf Kleid und Frisur angebracht waren, konnten mich mit dem lächerlichen Ganzen nicht versöhnen. Ich kam von einer Bühne, die nach Regeln geleitet wurde und auch darin zum Muster dienen konnte, daß der Ton, der unter den Künstlern herrschte, anständig und fein war, während hier Willkür und Despotismus regierten. Das Personal war mit geringer Ausnahme von unglaublicher Roheit, der allgemeine Ton nicht viel von einer herumziehenden Truppe unterschieden. Wie ich früher schon sagte, gehörte es zu den Grundsätzen des Hofkammerrats, die Schauspieler durch Vorschüsse zu fesseln; die Abzüge versetzten dieselben in die drückendste Lage, und so mußte ich mit armen unzufriedenen Leuten und wenig bedeutenden Talenten – ich spreche nicht von der Oper allein – meine Aufgaben ausführen, daß mir alle Freude zu neuen Rollen verging. Diese Mängel schrieb ich dem Lenker des Theaters zu und war böse, daß er geschehen ließ, was so leicht besser gemacht werden konnte, auch, daß er für alle Nebendinge kein Interesse hatte, die dem Schauspieler gleichwohl wichtig sind, weil er bei der ersten Auffassung der Rolle sein Spiel daran anknüpft. Wenn zum Beispiel in einem Stücke eine Grotte vorgeschrieben war, die mit Kränzen geschmückt werden, eine Laube, in der man lauschen, ein Wasserfall, an dessen Rande man einschlummern sollte, so wurde in der Probe nichts von diesen Requisiten vorgeführt oder auch nur angedeutet, vielmehr rief Goethe aus dem Parterre, wo er zuweilen, aber nicht oft, den Proben beiwohnte: „das supponiere man!“ Wenn man sich aber wirkungsvollere Aktionen bis zur Vorstellung supponieren soll, so ist das ein sehr großes Hindernis für die Darstellung und verdirbt dem Künstler die Freude an der Arbeit. Diese Einzelheiten von Goethes Persönlichkeit und Theaterpraxis werden es begreiflich machen, daß ich mich damals, wo Eindrücke allein über mich entschieden, von ihm mehr abgestoßen als angezogen fühlte.

Bezüge im Wissensnetz

Teil von (2)

GZP-Knowledge-Graph

Hat Sprache (1)

GZP-Knowledge-Graph
  • Deutsch

Fand statt in (1)

GZP-Knowledge-Graph

Geschaffen von (1)

GZP-Knowledge-Graph

Hat Zeitspanne (1)

GZP-Knowledge-Graph
Cookie-Einstellungen