Normalzeugnis Zeugnis
Carl August, Tagebuch 9. 11. 1779 (Funde und Forschungen S. 184)
NB. Von Sion hinauf zu, ist die deutsche der Walliser Muttersprache. Um 9 Uhr fort, u. so langsam gegangen, u. aufgehalten, daß wir erst um 3 Uhr im Leuckerbad ankamen, welches nur 5 St. von Seiders entfernt ist. Bey Seyders, wie auch in u. um Sitten hat die Überschwemmung dieses, zumahl voriges Jahr entsetzliche Verwüstungen angerichtet. Bei Seyders sind zwey Zwingherrnschlößer. Der Oberste u. Obrist Lieut: von Curt, von den Schweitzer Regiment in Frankreich gleiches Nahmens wohnen in der Stadt. Göthe u. ich zu Fuß, der Wedel blieb in Seyders, weil in Leuck die Pferde kein Futter haben. Mir war es recht, daß er seine unvernünftige Krankheit im Gasthof außschwitzen konte, ohne daß wir etwas davon merkten. Der Weg geht einen hohen Berg hinauf, bey einen steilen Abgrund wieder hinunter, doch mit Lehne, endl. über Matten. Der Schluchter, durch den das Waßer von Leuck abfließt, und welcher rechts vom Wege bleibt, ist auserordentl. intereßant. Ein Bauer mit einen Saumpferd gab uns Nachricht, daß in einen Dorfe man Vermuthungen gehabt hätte, daß wir Spitzbuben wären, weil vorgestern in einen Dorfe eingebrochen ist worden, konte aber nicht erfahren, wie sie diese Ideen combinirten. In einen Dorfe am Giebel eines Gemeinde Hauses war ein Wolf aufgehenckt, sie thun es hier statt die Haut zu verkaufen. Es giebt in dieser Gegend viel Wölfe u. Bären. In Leuckerbad bey einen sehr braven, äuserst honet dienstfertigen Manne eingekehrt, mit Nahmen Braun. Die Frau ist seit gestern in Wochen. Wir in einen kleinen ausgetäfelten Stübchen, kaum 6 Schu hoch, ein, bis 22 Schu lang, u. kaum 11 breit, ein niedrig Fensterchen, welches gar hübsche Erleuchtung gab. Wir gingen biß an den Fuß des Gemmi Bergs, wo der Weg auß den Canton Bern herüber komt; wir stiegen von unsern Hauß ¾ St. biß an den Fuß des Bergs. Der Weg geht unglaublich durch Felsen, gefährlich. Das Bad ist warm. Das Waßer äuserst rein, macht keinen Anschuß. Hat 2 od. 3 Quellen. Ohne Geruch. Wir wolten baden, ward aber nichts daraus. Von der Gemmi verunglücken zuweilen Menschen, u. Vieh. Der Weg wird mit Maulthieren gemacht. Unser führer, des Seidereswirths Bruder, ein Tischler aus Maintz ist daneben gestanden, wie eine Lauine seinen Camerad vor ihm den Berg hinab tod gestürtz hat. Gut gegeßen. Der Wein würckt auf Hermannen starck. Göthe hat eine hübsche Idee von Entstehung der breiten Thäler wie Wallis, Chamounix u.d.g.; er mejnt nehmlich daß sie sonst enge Schluchter gewesen sind, in erstaunlich langer Zeit aber, durch die Waßer immer nach u. nach zugefüllt worden, u. daher dadurch, daß sie zwischen den Bergen höher gekommen, u. sich den außeinanderstehen derselben mehr genähert haben, die Breite erlangt haben. An den meisten Felßbergen, zu mahl hier, sieht man es deutlich, indem unter denselben Berge von guter Erde aufgeführt sind, welche von ihnen ist abgespült worden, u. sie stehen kahl. Hinter den Bad ist das Thal gantz von Felßen, Schneebergen und einen Gletscher zugeschloßen. bey Sonnenuntergang viel Nebel, auf den Bergen etwas Schnee, schön Wetter. Sehr früh zu Bett.
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