Brief
An Johann Friedrich Cotta (1. Oktober 1809)
Ew. Wohlgebornen
beyde freundliche Briefe beantworte ich zur guten Stunde: denn indem mein Sohn August seine Herreise zurückgelegt hat, so ist das kleine nunmehr vollendete Werk eben im Begriff die Hinreise nach Leipzig zu machen.
Ich hatte jenem ganz überlassen, etwa durch einen Umweg in seine Heimat zurückzukehren; er hat es aber für vortheilhafter geachtet sich nicht zu zerstreuen, sondern ist gerade durch Franken nach Hause gegangen. Indessen wer weiß, wie bald er Anlaß findet von Ihrer gütigen Einladung bey Ihnen einzukehren einen erwünschten Gebrauch zu machen.
Inzwischen nehmen Sie von mir den besten Dank, daß Sie ihn zuletzt noch hinreichend haben ausstatten wollen, weshalb ich Ihr Schuldner bleibe.
Die Aushängebogen des Romans werden nun bald in Ihren Händen seyn, und ich wünsche, daß diese beyden Bändchen zuerst Ihnen und dann dem Publicum Vergnügen machen. Es ist so manches hineingelegt, das, wie ich hoffen den Leser zu wiederholter Betrachtung auffordern wird.
Mit Recht beklagen Sie sich, daß das Nachdrucks-Unwesen durch die liebe Preßfreyheit im Oestreichischen erst recht überhand nimmt. Ich darf Ihnen wohl im Vertrauen eröffnen, daß diese Materie bey dem großen Erfurter Zusammentreffen so vieler bedeutender Männer zur Sprache kam. Ich hatte zwey Haupt personen, den Fürsten Primas und den Grafen Bose, für meine Ansichten gewonnen, oder vielmehr es waren die ihrigen, nur daß ich sie entschiedener aussprach. Schon hatte ich ein Promemoria ver faßt, Einleitung und Beystimmung war zugesagt, als mich glücklicher oder unglücklicher Weise ein Dämon beym Aermel zupfte und mich bedenken ließ, daß es die Zeit nicht sey, sich in öffentliche Angelegenheiten zu mischen und daß man nur wohl lebe, wenn indem man verborgen lebt. Denn aufrichtig gesagt: wer könnte es wohl den lieben Deutschen recht machen, die noch immer in ih remn anarchischen Wust verliebt sind. So blieb die Sache liegen und ich fürchte nur, daß sie bey einzelnen Fällen zur Sprache kommt und alsdann etwas tumultuarisch behandelt werden wird.
Es ist mir sehr angenehm, daß ein Beytrag zu dem Damen Calender Ihnen willkommen gewesen. Ich will sehen, ob ich Ihnen für den nächsten etwas Aehnliches bereiten kann. Es thut mir leid, daß wir soweit aus einander wohnen, daß ich bey dieser und andern ähnlichen Ihrer Anstalten nicht beythätig seyn kann: denn beyräthig zu seyn, will in solchen Fällen nicht viel heißen. Was ich an dem Damen Calender vermisse, ist der geistreiche und heitere Theil, der doch eigentlich das Leben schmückt, und der in der großen, wie in der kleinen Welt höchst gute Aufnahme findet. Ich will der Pichler, Lafontaines und Reinbecks Arbeiten nicht schelten, weil sie Verdienste haben; aber es geht doch durch alle etwas Tristes hindurch, das einen gewissen gedrück ten Zustand andeutet und den Leser wo nicht niederzieht, doch gewiß nicht erhebt.
Jean Paul’s Einfall ist recht gut, aber in der Ausführung spürt man wenig Geistreiches und der gute Geschmack möchte manches dabey zu erinnern haben. Auch die Gedichte scheinen mir zum größten Theil viel zu ernst u trocken.
Solche artige kleine Dinge, die sich auf das gesellige Leben galant beziehen, in Prosa und Versen, wie Ihr Almanach des Dames enthält, sucht man hier vergebens; und doch machen dergleichen, ohne eigentlich poetischen Werth, immer eine anmuthige Wirkung
Daß der Roman als Fortsetzung meiner Werke abgedruckt werde bin ich wohl zu frieden, dergestalt daß es damit wie mit dem Ubrigen nach unsrer Verab redung gehalten werde. Einen Preis für diese Arbeit wüsste ich nicht auzusprechen. Ich habe daran alles was ich vermochte gewendet und bin von Ihnen überzeugt daß Sie mich dagegen das Billige u Rechte werden genießen lassen.
An Werner bitte beyliegenden Brief zu senden. Es ist ein Mann voll Talent, dabey aber ein so wunderlicher Cauz daß er es wohl schwerlich dem Publicum besonders dem theaterbesuchen den völlig recht machen wird.
Nun wünsche ich wohl zu leben, indem ich endlich nach vollendetem Abdruck des Romans nach Weimar zu gehen gedenke.
Jena d. 1 Octbr 1809
Goethe
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