Normalzeugnis Zeugnis
L. Chr. Althof an F. Nicolai Dez. 1796 (Strodtmann 4, 270)
Bürger und Goethe hatten sich nie gesehen, aber vormals manchen Brief mit einander gewechselt. G. hatte diesen Briefwechsel angefangen und, von Bewunderung und Liebe für seinen Bruder im Apoll hingerissen, diesen bald nicht mehr mit Sie sondern mit Du angeredet. Da nun B. diese vertrauliche Annäherung erwiderte und G. in dem einmahl angenommenen Tone blieb, so wurden beyde schriftlich Dutzbrüder. Als in der Folge G. zu höheren irdischen Würden emporstieg, da wurde auch die Sprache in seinen Briefen an B. feierlicher, das Du verwandelte sich wieder in Sie, und bald hörte der Briefwechsel ganz auf. Im Jahre 1789 schickte B. dem Herrn von G. ein Exemplar von der 2ten Ausgabe seiner Gedichte mit einem höflichen Schreiben zu, und machte bald darauf eine Reise, die ihn durch Weimar führte. Er stand bey sich an, ob ers wagen sollte, den Herrn von G. zu besuchen, weil er von Natur blöde war, und sich nach dem, was er von andern wohl gehört hatte, eben keine herzliche Aufnahme von seinem ci devant Dutzbruder versprach. Indessen da seine Freunde ihn mit der Versicherung dazu ermunterten, Herr von G. sey seit seiner Reise nach Italien leutseliger geworden, da er überdem gerade jetzt einen kleinen Dank für das Geschenk seiner Gedichte und auch wohl eine lehrreiche Beurtheilung seiner neuesten Producte von G. erwartete: so faßte er ein Herz und verfügt sich an einem Nachmittage in die Wohnung des Ministers. Hier hört er von dem Kammerdiener, Se. Excellenz sey zwar zu Hause, aber eben im Begriff, mit dem Herrn Capellmeister Reichardt eine von diesem verfertigte neue Composition zu probiren. O schön, denkt B., da komme ich ja gerade zu einer sehr gelegenen Zeit, halte Se. Excellenz nicht von Staatsgeschäften ab, und kann ja wohl zu der Musik auch meine Meinung sagen. Er bittet also den Kammerdiener, Sr. Excellenz zu melden, B. aus Göttingen wünsche seine Aufwartung machen zu dürfen. Der Kammerdiener meldet ihn, kommt und führt ihn – nicht in das Zimmer wo musicirt wird, sondern in ein leeres Audienzzimmer. In diesem erscheint nach einigen Minuten auch Herr von G., erwidert B.’s Anrede mit einer herablassenden Verbeugung, nöthigt ihn, auf einem Sopha Platz zu nehmen, und erkundigt sich, da Bürger, der doch einen ganz andern Empfang erwartet hatte, ein wenig verlegen wird, nach – der damaligen Frequenz der Göttingischen Universität. B. antwortet so gut er bey seiner Verlegenheit kann, und steht bald wieder auf, um sich zu empfehlen. G. bleibt mitten im Zimmer stehen und entläßt Bürger mit einer gnädigen Verbeugung. Auf dem Wege nach Hause machte nun B. nachstehendes Epigramm:
Mich drängt’ es in ein Haus zu gehn Drin wohnt’ ein Künstler und Minister. Den edlen Künstler wollt’ ich sehn und nicht das Alltagsstück Minister. Doch steif und kalt blieb der Minister Vor meinem trauten Künstler stehn, Und vor dem hölzernen Minister Kriegt ich den Künstler nicht zu sehn. Hol ihn der Kukuk und sein Küster!
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