Normalzeugnis Zeugnis

Ungenannt in: Bote vom Riesengebirge, 1894 (Goethe-Kalender 1911, S. 117)

Im Jahre 1790 bezog das zur Berliner Garnison gehörende Regiment Alt-Pfuhl für einige Wochen ein Cantonnirungsquartier in der Festung Landeshut in Schlesien. Außerdem wurde ein Cürassier-Regiment, dessen Chef der Herzog von Sachsen-Weimar war, dahin verlegt. Im Gefolge des Herzogs befand sich auch Goethe, der bei dieser Gelegenheit das Riesengebirge besuchen wollte und eines Abends in Landeshut eintraf. Ein junger, lustiger Offizier des Regiments Alt-Pfuhl, welcher am Markte seine Hauptwache hatte, saß mit mehreren Kameraden in der Wachtstube bei der Punschbowle, als von der Thorwache gemeldet wurde, daß der herzoglich weimarische Geheimrath Goethe soeben in Landeshut angekommen sei. Der Offizier war nun ein leidenschaftlicher Verehrer des Dichters. Es erregte ihn ungemein, sich mit demselben in einer Stadt zu befinden, und er hätte ihn gar zu gern einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen; allein er durfte seinen Posten nicht verlassen und konnte daher keine Audienz von dem Dichterfürsten sich erbitten. In diesem Dilemma fand er indeß einen Ausweg. Es hieß, daß Goethe noch am selbigen Abend seine Reise fortsetzen wolle und nur im Gasthofe abgestiegen sei, um die Pferde zu wechseln; er mußte also bald wieder an der Hauptwache vorbeifahren. Nach kurzer Zeit rasselt in der That sein Wagen heran, und nun stürzte unser Officier, von seinen Kameraden gefolgt, und ein großes Glas Punsch in der einen, ein Licht in der anderen Hand, vor die Thür. Ein „Halt!“ donnerte dem Postillon entgegen, der erschrocken Folge leistete. Dann trat der Officier an den Schlag und sprach, während er das mitgebrachte Getränk hineinreichte, die eben mühsam zusammengestoppelten Reime: Goethe, der zuerst erschrocken war, erfaßte bald die Situation, lachte, nahm das Glas, trank es auf einen Zug leer und meinte dann, zu dem Lieutenant gewendet, er habe zwar noch keine so seltsame Audienz ertheilt, doch freue er sich, einen schmucken Officier kennen gelernt zu haben. „Allein“, so setzte er noch im Abfahren hinzu, „bleiben Sie künftig lieber beim Punschbrauen und lassen Sie das Versemachen, denn Ihr Punsch ist bei weitem Ihren Versen vorzuziehen.“

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