Normalzeugnis Zeugnis
J. G. Rist, Lebenserinnerungen (Poel S. 66)
Das weimarsche Theater war für uns begeisterte Jünglinge ein Zaubergarten, wo der strenge Ernst des akademischen und philosophischen Strebens durch die heiteren Musen gemildert, und die Ahnung eines reichern und zierlichern Lebens erhalten wurde. Sparsamkeit und Enthaltsamkeit ... setzten mich in den Stand, in der letzten Hälfte des Winters diese köstlichen Fahrten öfter mitzumachen ... Nach einer kleinen Erfrischung eilten wir ins Theater und warteten dort mit stiller Freude, bis der verehrte Goethe seine rätselhafte Erscheinung machte, seinen Stuhl im Parquet auf schloß und gemächlich einnahm. Da war Hof und Herzog für uns nicht mehr; zwischen ihm und der Bühne wechselten unsere Blicke ...
Um diese Zeit erst fing ich allmählich an, Goethes einzelne Meisterwerke kennen zu lernen, welche mich früher nicht angesprochen hatten, jetzt aber mit desto größerer Gewalt auf mich einwirkten. Er war mir von nun an die bedeutendste Figur in der ganzen Umgebung, und für die jugendliche Phantasie mit einem heimlichen Zauber umflossen, der durch sein seltenes Erscheinen stets lebendig erhalten wurde. Er brachte den letzten Teil des Winters auf dem Schloß in Jena zu, wo er, wie es hieß, an den letzten Bänden des „Wilhelm Meister“ arbeitete. Einige Glückliche unter den Freunden kannten ihn näher und hatten ihn besucht. Ich hatte aber so viel richtigen Takt und wußte die Unbedeutsamkeit meines Daseins genug zu würdigen, um auch nicht einmal den Wunsch zu hegen, ihm vorgestellt zu werden. Ich fürchtete mich auch wohl vor der Excellenz, die den Zauber gar leicht hätte zerstören können. Nichtsdestoweniger ward es mir so gut, Goethe öfter zu begegnen, wenn er in steifer Haltung auf der gefrorenen Saale am Paradiese sich unter die Schlittschuhläufer mischte, unter denen seine gerade, starke Figur, die nicht aus dem Gleichgewicht des gravitätischen Schrittes kam, sein langer, braunroter Überrock und sein dreieckiger Hut nebst dem steifen Zopfe, seltsam abstach.
Öfter sah ich ihn auch im Professorenklub, zu welchem und dem vierzehntägigen Konzert die gebildeteren Studenten sich unterschreiben durften. Er wechselte dort einige Worte, unterhielt sich mit einigen Frauen, reisenden oder einheimischen Gelehrten, nahm auch wohl an den Spielen teil, welche die ganze jüngere Gesellschaft bunt durch einander zu mischen pflegte. Kam ich dann bei Tisch ihm gegenüber zu sitzen, so weidete ich mich an den großen, strahlenden Augen, und suchte, so gut ich es konnte, die seltsame Mischung des Anziehenden und Abstoßenden in dem rätselhaften Manne zu entziffern. Ich muß aber gestehen, daß ich damit noch jetzt nicht viel weiter bin als damals. Über das, was er jetzt ist, möchte sich leicht ein Urteil fällen lassen, aber schwerer über den Zusammenhang und den eigentlichen Kern seiner reichen Natur in jener Zeit seiner vollen Kraft.
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