Normalzeugnis Zeugnis

G. Merkel, Darstellungen und Charakteristiken aus meinem Leben (Merkel2 2, 98)

In seinem Loders Hause war es auch, daß ich zum ersten und einzigen Male mit Göthe zusammentraf, aber leider auf eine Weise, die unsre persönliche Antipathie auf immer entschied. Noch in seinen Gesprächen mit Herrn Eckermann habe ich Spuren derselben gefunden. Wäre unsre erste Begegnung anderer Art gewesen, so glaube ich – doch man würde, was ich hier sagen wollte, für eitel erklären. Ich will lieber den Vorgang erzählen. Ich las eines Abends gerade in dem Schillerschen Taschenbuche auf 1797 die Xenien und las sie mit steigendem Unwillen ... Indem ich über meinem Mißvergnügen brütete, erhielt ich ein Billet von Loder, mich ja so bald, als möglich, zur Abendgesellschaft bei ihm einzufinden; auch Göthe würde da seyn. Meine erste Regung war, zu antworten, ich würde eben deshalb nicht kommen; aber bald beschwichtigte mich die Betrachtung, daß durch mein Wegbleiben Niemand verlieren könnte, als ich selbst, und eine solche Erklärung meines Unwillens in meiner Lage lächerlich seyn würde. Ich kleidete mich an und ging hin. Ich fand schon eine sehr zahlreiche Versammlung von fast allen Professoren und einigen Studenten beisammen. Im Prunkzimmer stand Göthe mit ernster, stolzer Miene vor dem Spiegeltische, auf beiden Seiten von Kerzen und vorne vom Kronleuchter beleuchtet, prunkend da, und um ihn eine Halbrunde von mehrern Reihen ehrfurchtsvoll Lauschender. Bei dem Gefühl, mit dem ich so eben die Xenien gelesen, widerte mich jenes Schauspiel an. Ich glaubte den Triumph strafloser Insolenz feiern zu sehn. Loder stellte mich Göthe’n vor, als den Verfasser der Letten. Er nickte herablassend, und fuhr fort in seiner Rede. Das verdroß mich, denn ich war mir bewußt, in Rücksicht meiner Zwecke über dem Verfasser der Xenien zu stehn. Daß er mein Buch wahrscheinlich gar nicht kannte, fiel mir nicht ein. Er sprach gerade in einem docirenden Tone uͤber Raphaels Gemaͤlde im Vatican. Den letzten Umstand hatte ich nicht bemerkt und sagte: „Es wäre viel, wenn die Franzosen sich ihrer nicht bemächtigten.“ Mit einer wegwerfenden Miene, als hätte ich eine Dummheit gesagt, erwiederte Göthe: „Sie sind ja auf die Mauer gemalt.“ – Doch nur auf Stuck, antwortete ich, und zog mich aus dem bewundernden Halbkreise zurück, und habe mich Göthe’n nie wieder genähert. Mir hatte bei meiner Antwort dunkel vorgeschwebt, es müsse ein Mittel geben, die Stucklagen abzulösen, ohne Verletzung der Gemälde, die sie verherrlichen. Welcher Art dies Mittel seyn könne, ahnete ich freilich nicht; doch wenige Monate später erzählten die Zeitungen, daß die Franzosen Wandgemälde abgesägt hätten. Mit welchem Erfolge, weiß ich nicht mehr; gewiß aber hätten sie ihr Verfahren bis zum glücklichsten ausgebildet, wenn sich ihnen nicht bald die Aussicht eröffnet hätte, Rom selbst sammt seinen Herrlichkeiten zu behalten.

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