Normalzeugnis Zeugnis
J. L. Geist, Tagebuch 3. 10. 1797 (GSA Goethe XXIX O)
Dies war endlich der Tag der uns bis zur Spitze des St. Gotthardts bringen sollte. Wir Goethe, Meyer, Geist gingen des Morgens 8 Uhr von Hospital weg und hatten nun noch 2 Stunden bis zum obersten Theile des Berges. Der Morgen war sehr heiter und schön und entsprach unsern Wünschen ganz ...
Die ganze Bergmasse besteht meist aus Granit mit Feldspath vermischt, erstere Gebirgsart macht mehrentheils die untern Regionen des Berges aus, nach der Spitze zu findet man verschiedne Quarzarten, Glimmerschiefer und Basalt, auch mehrere schöne Cristallisationen ...
Gleich in der Nachbarschafft dieser Seen steht ein Kloster, in welchem ein Capuciner seine Wohnung aufgeschlagen hatte, übrigens waren noch zwey Knaben ohngefähr von 13 bis 15 Jahren bey ihm; einer war ein Italiäner und der andere ein Schweizer und zwar aus dem Canton Lucern, der sich hier aufhielt um die Italiänische Sprache zu lernen, damit er einmal künftig als Postbote gebraucht werden könne, um die Briefe aus der Schweiz nach Italien zu transportiren.
Der Capuciner, Pater Lorenzo, spricht Italiänisch und war ein sehr höflicher, gefälliger und menschenfreundlicher Mann; wir speißten zu Mittag bey ihm und er wußte uns mit mancherley Gesprächen zu unterhalten. Mich redete er jedesmal lateinisch an, denn er wußte daß ich nicht Italiänisch verstehen würde und erzählte mir verschiednes von den Eigenschafften des Gotthardtberges und daß sein Kloster das ganze Jahr mit Schnee umgeben sey. pp.
Die Speisen diesen mittag waren sehr häußlich erst als wir bey ihm ankamen setzte er uns einige Bouteillen rothen Italiänischen Wein, nebst einem guten Stück Schweizerkäse auf, wobey er uns noch mit mehrern seltsamen Mineralien, die er auf dem Gotthardtsberge gesucht hatte, unterhielt, am besten aber verstand sich eine alte Köchin auf diese Steine, die er bey sich hatte.
Diese Köchin benutzte die Stunden, die sie außer ihrer Küche zubringen konnte, indem sie auf dem Gotthardtsberge herum stieg und sich Steine sammelte, so daß sie uns wirklich eine artige Sammlung von Steinen vorzeigen konnte. Kommen nun fremde Reisende auf diesen Berg (welches sehr oft geschieht) so sucht sie sich mit ihnen in einen Handel einzulassen, und so verdient sie, neben ihrer Küchenarbeit, immer noch viel Geld damit. Sie war sogar erbötig uns zu den Gruben zu führen wo sie dergleichen auffände; aber da wir in diesem Kloster nicht übernachten wollten; so schlugen wir ihr Anerbieten aus.
Nach geendigten Frühstück wurde sogleich das Mittagsessen aufgetragen, das aus folgenden Gerichten bestand,
1., Eine gute Reissuppe, in welcher eine Knackwurst sich befand. 2., Folgte Pökelfleich mit einer guten Sauce nebst Senf. 3., Fisch, sowohl in Semmel geröstet als mit Essig und Zitrone, 4., Gemsbraten, 5., Nachtisch, der in gutem Schweizerkäse und Most bestand ...
Nach geendigter Mahlzeit gingen wir ganz vergnügt von unserm guten Pater weg, indem wir uns ihm höflich empfahlen ...
Wir gingen nun den Berg wieder herunter und kamen sehr zeitig in Hospital an.
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