Normalzeugnis Zeugnis

F. v. Schuckmann an J. F. Reichardt 26. 9. 1790 (Westermanns Ill. Monatshefte 1864, Okt., S. 80)

Böse Beispiele verderben gute Sitten und so macht der Anblick imponirender Müßiggänger faul, oder vielmehr das sinnlose Drehen in ihrem Kreise zu leer, um sich in solcher Stimmung dem Freunde zu nahen. Doch bin ich äußerst zufrieden über diese verlebte Zeit, in der ich im größten Contrast auch manche Stunden des höchsten Lebensgenusses gehabt habe. Ohne daß ich Dir’s sage, wirst Du errathen, daß ich sie Goethen verdanke. Ich bin sehr nahe und innig mit ihm bekannt geworden und habe einen vortrefflichen Menschen an ihm gefunden. Was ich Dir über seine Schwierigkeit im Ausdruck schrieb, war ganz weg, sobald er herzlich ward und außer der Convention mit mir lebte. Kalt kann er eigentlich nicht reden, und dazu will er sich mit Fremden zwingen; und das wohl aus guten Gründen. Vertraut folgt er seiner Natur und wirft aus dem reichen Schatze die Ideen in ganzen Massen hervor. Ich möchte sagen: er spricht, wie der Algebraist rechnet, nicht mit Zahlen, sondern mit Größen, und seine lebendige Darstellung ist nie Gaukelspiel der Phantasie, sondern seine Bilder sind immer das wahre Gegenstück, was die Natur dem Dinge gab, und führen den Hörer ihm zu, nicht ab. Das ist jetzt, nachdem er acht Tage weg ist, mein reines Urtheil über seine persönliche Art, ohne Einwirkung der Zuneigung, die ich zu ihm gewonnen habe. Freilich alle übrigen Menschen hier, von Garve bis zu Seydlitz, finden, daß er sich sonderbar ausdrücke, daß er nicht zu verstehen sei, und lästige Prätensionen mache; – und doch hat er sich von meiner guten Mutter recht vertraulich die Wunderthaten des Enkels und ihre Wirthschaft erzählen lassen, die ihn auch recht lieb darum hat. Auch Kessel ist eine Ausnahme, dem war er durch seine Liebhaberei verwandt, und er hat ihn einen Nachmittag, da er seine Sachen besah, durch das, was er darüber äußerte, sehr entzückt. Sein Studium scheint jetzt Kant, und auf seinem Wege in eigener Manier, der Mensch zu sein. Das sieht man auch klar in Faust und Tasso, und ich habe manche vortreffliche Dinge von ihm gehört, die da zu stehen verdienten. Ueber seine Werke haben wir nicht gesprochen, weil er es zu vermeiden schien; doch konnt’ ich’s nicht lassen, ihm einmal ein paar Worte über Tasso zu sagen, der meinem Gefühl immer das erste von Allem, was ich je gelesen, bleibt. Ein Mädchen gefiel ihm hier; die Freundin meiner Seligen, von der Du die Zeichnung bei mir gesehen hast. Auch da hat ihn sein Auge nicht betrogen.

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